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Jürgen Trittin ist erleichtert über die sinkende Zahl der AKW in Europa

Foto: APA/Neubauer

Wien - Kurz vor den ersten Meldungen über eine Explosion auf einem französischen AKW-Gelände stellte sich Jürgen Trittin, Fraktionsvorsitzender der Grünen im deutschen Bundestag, den Medien in Wien. Auf Einladung des Parlamentsklub der österreichischen Grünen. Thema:  Energiewende und Atomausstieg.

Trittins Partei hatte am vergangenen Wochenende bei den Kommunalwahlen in seiner Heimat Niedersachsen große Zuwächse gefeiert. Mit ein Grund für so manchen Wahlerfolg in Deutschland ist das starke Auftreten gegen Atomkraft, zuletzt wieder angeheizt durch die Reaktorkatastrophe in Fukushima.

"Karawane zieht in andere Richtung"

Mitte Juni war Trittin selbst nach Japan gereist, um sich ein authentisches Bild von der Lage in der betroffenen Region zu machen: "Ein halbes Jahr nach Fukushima ist die Katastrophe noch nicht vorbei. Es tritt weiterhin Radioaktivität aus." Er verstehe daher Äußerungen über eine angebliche Hysterie um den AKW-Unfall nicht, die auch aus osteuropäischen Nachbarstaaten zu vernehmen seien. 

Dabei sei längst erwiesen, dass die Atomkraft gegenüber Gas und selbst gegenüber Windkraft nicht mehr wettbewerbsfähig sei, so Trittin. Deshalb sei in den USA seit Ende der 70er-Jahre kein einziger Atomreaktor mehr gebaut worden.

"Die Karawane zieht schon lange in eine andere Richtung und am Rand des Weges kläfft noch die Atomlobby", analysiert der ehemalige deutsche Umweltminister und meint damit unter anderem das Festhalten des tschechischen Ministerpräsidenten Petr Neĉas an der Atomkraft. Tatsächlich sinkt europaweit die Anzahl der Atomkraftwerke. Allein in Deutschland wurden nach Fukushima acht Kraftwerke "auf einen Schlag" abgeschaltet.

Ökonomische Wachstumschance

In Deutschland sei im ersten Halbjahr 2011 ein Fünftel des produzierten Stroms aus erneuerbaren Energiequellen gewonnen worden - Tendenz steigend, so Trittin. Das Land investiere 30 Milliarden Euro in diesen Sektor, der bereits 370.000 Beschäftige groß ist. "Eine richtige ökonomische Wachstumschance", prognostiziert der Fraktionsvorsitzende.

Die Herausforderung sei nun, den Umbau der Energieversorgung zu organisieren. Es sei kein Platz mehr für "dumme und große Kraftwerke" wie Atomreaktoren, weil sie nicht flexibel genug seien. "Wir müssen Kraftwerke haben, die schnell hochfahren können. Dazu sind Atomkraftwerke nicht in der Lage", betonte Trittin. 

"Rollende Speicher"

Stattdessen müsse man in Gas- und Speicherkraftwerke investieren, aber auch in Elektroautos, denn deren Batterien seien "rollende Speicher", die in nachfragearmen Zeiten geladen werden können.

Besser funktionierende und stärker ausgebaute Netzwerke in Europa seien notwendig. Der Fraktionsvorsitzende der deutschen Grünen fordert daher schon in naher Zukunft die Absage an die nationale Energiepolitik: "Man muss die Schwierigkeiten gemeinsam lösen und Chancen gemeinsam nutzen und nicht einzelne Energieschlachten um einzelne AKWs schlagen. " (red/APA, derStandard.at, 12.9.2011)