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Chinas Textilfabriken steigerten die Importe nach Österreich im ersten Halbjahr um fast 18 Prozent. Auf giftige Chemikalien geprüft wird die Ware EU-weit unzureichend, kritisieren Branchenexperten.

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Wien - Der Modehandel rennt heuer in Österreich mehr denn je um sein Leiberl. In den Vorjahren hat die Krise die Branche weitgehend verschont. Heuer droht sie jedoch ein Loch in die Bilanzen zu reißen. In den ersten sechs Monaten verloren die Textilhändler um die Inflation bereinigt laut Wirtschaftskammer fast zwei Prozent des Umsatzes. Handelsexperten erwarten im Herbst vor allem bei den Erträgen böse Überraschungen.

Die Leute sparten bei der Bekleidung nun einmal schnell, vor allem Männer, sagt Wolfgang Sima, Vize-Obmann des Verbands der Textil-, Bekleidungs- und Schuhindustrie. Die Branche spüre die Verunsicherung durch die Schuldenkrise rascher als andere.

Und das könnte auch auf großen Einkaufsmeilen Spuren hinterlassen. So ist etwa der Modeanteil in der Wiener Mariahilfer Straße in den vergangenen zwei Jahren von 40 auf 44 Prozent gestiegen, rechnet Marktforscher Regioplan vor. 60 Prozent mache er bereits in der Kärntner Straße aus - 2008 war er noch bei 49 Prozent gelegen. Um die schwächere Kaufkraft ringen zudem mehr Anbieter: Neue internationale Modekonzerne von Primark über Hollister bis zu Bershka stehen vor der Tür. Für manch älteres kleines Konzept wird es eng.

Was alle wiederum verbindet, ist der Einkauf: Da bedient man sich überwiegend aus demselben Pool: China. Die Direktimporte an Textilien aus dem Land zogen im ersten Halbjahr um fast 18 Prozent auf 431 Millionen Euro an. Im Vorjahr lag der Zuwachs bei gut elf Prozent. Die Einfuhren über Textilketten sind da noch nicht inkludiert. Unterm Strich ist China für Österreich wie für die EU Hauptlieferant jedweder Bekleidung.

Schmutzige Wäsche

Das ruft NGOs auf den Plan, die die miserablen Arbeitsbedingungen in Produktionsländern ebenso anprangern wie Giftcocktails in den Kleidern. Greenpeace hat erst vor kurzem die Wäsche prominenter internationaler Markenhersteller geprüft. Zwei Drittel enthielten gefährliche Chemikalien.

Bei österreichischen Produzenten schließt Franz Pitnik entsprechende Rückstände in der Bekleidung aus. Der Geschäftsführer des Verbands der Bekleidungsindustrie zweifelt aber sehr wohl an der Kontrolle von Importen in Europa. Die raren Stichproben bei tausenden Containern täten keinem weh. Er wäre froh über schärferes Vorgehen der EU. Das grenze auch die Marktchancen für Billigware ein.

Die Österreicher haben ihre eigenen großen Textilwerke längst an die Niedriglohnländer verloren - und es winken hier auch künftig keine neuen Jobs. Auch wenn einzelne Hersteller aufgrund knapperer Kapazitäten, höherer Gehälter und teurerer Transporte in Asien wieder nach Europa zurückkehren. Die hiesige Industrie hat sich aber ohnedies längst anders orientiert, und das vielfach erfolgreich.

Von einer Pleitebranche wolle er nichts mehr hören, sagt Reinhard Backhausen, Fachverbands-Präsident, und verweist auf wachsende Umsätze und Exporte. Vier Milliarden Euro erzielten die 550 Betriebe der Branche mit 24.300 Mitarbeitern. Bis zu 90 Prozent ihrer Ware gehe ins Ausland, und im ersten Halbjahr legten die Umsätze um zwölf Prozent zu.

Ihre Marktchance sehen die Österreicher vor allem in Hightech, das in die Textilien einzieht. Die Palette reicht von GPS in Handschuhen über Navigationswesten für Radfahrer bis zu unauswaschbarer Software in Hemden. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.9.2011)