Interims- Parteichefin Gabriele Tamandl muss den Schwarzen Peter loswerden: Sie soll spätestens bis zum Landesparteitag im Frühjahr 2012 einen Chef für die VP Wien finden.

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Wien - Eines kann man der Wiener ÖVP nicht vorwerfen: Inkonsequenz. Ist einmal ein neuer Parteichef gefunden, beginnt auch schon das fröhliche Obmann-Abmontieren. Doch diesmal will erst gar niemand auf dem Sessel Platz nehmen, an dem später gesägt wird. Nach dem Abgang von Christine Marek, die nächste Woche als Nationalrätin angelobt wird, will sich jetzt keiner den Schwarzen Peter zuschieben lassen. Die Liste der Nichtkandidaten ist lang:

  • Fritz Aichinger, seit 2001 im Gemeinderat, soll am Mittwoch offiziell zum neuen Klubchef gekürt werden. Als Parteichef wäre der 65-Jährige allerdings kein Signal der Erneuerung, auch wenn er als Wirtschaftsbündler einen nicht unbedeutenden Flügel der Partei hinter sich hat.
  • Wolfgang Aigner will sicher nicht Parteichef werden, er will nicht einmal mehr VP-Mandatar sein - laut Presse bleibt er wilder Abgeordneter im Rathaus.
  • Harry Himmer hatte 2009 als Nachfolger von Johannes Hahn gegolten, stellte sich der Wahl schließlich aber nicht, nachdem Marek von der Bundespartei nach Wien gedrängt worden war. Der Bundesrat geriet nun als Alcatel-Chef in den Geruch der Telekom-Affäre um die Vergabe des Blaulichtfunks. Alcatel dementiert die der Firma vorgeworfenen Provisionszahlungen an Alfons Mensdorff-Pouilly.
  • Brigitte Jank, die sich als Wirtschaftskammerpräsidentin gern als Rathaus-Verbinderin in Szene setzt, war 2010 eine der vehementesten Befürworterinnen einer rot-schwarzen Koalition. Chefin einer Oppositionspartei zu sein wäre für sie aber ein Abstieg.
  • Sebastian Kurz ist als Integrationsstaatssekretär der prominenteste Wiener VPler und möglicher Spitzenkandidat für die Nationalratswahl. Das dem Obmannposten innewohnende Risiko zu scheitern, ist für die Nachwuchshoffnung aber zu groß. Und die Bundespartei besteht darauf, dass Kurz die Wiener nicht übernimmt.
  • Isabella Leeb kam 2008 als Quereinsteigerin in die Partei und war bis zur Wahl 2010 Stadträtin. Der Wirtschaftsbündlerin fehlt nach wie vor die Hausmacht, und ihre direkte Art kommt längst nicht überall in der Partei gut an.
  • Ferry Maier wollte nach Hahns Abgang zwar Parteichef, aber nicht Spitzenkandidat werden; zu einer Abstimmung kam es nie, Maier zog seine Kandidatur zurück. Der Raiffeisen-Generalsekretär richtet Kritik gerne über die Medien aus, was die Parteifreunde nicht besonders schätzen.
  • Ursula Stenzel ist die Idealbesetzung für die Bezirksvorstehung der City. Die junge, urbane Klientel, die die VP will, spricht die 68-Jährige aber nicht an.
  • Gabriele Tamandl hat vergangenen Freitag nach dem Parteivorstand gleich klargestellt, dass sie die Landespartei nur bis zum Landesparteitag im Frühjahr leiten will und weiterhin im Nationalrat bleiben wird. Sie ist - wie Himmer, Aichinger, Kurz und Ingrid Korosec - Vize-Parteiobfrau.
  • Wolfgang Waldner ist neben Kurz der einzige Bundespolitiker aus der Wiener VP. Der frühere Museumsquartier-Chef war, bevor er als Staatssekretär ins Außenministerium gewechselt ist, in Mareks Agenda-Prozess zur Erneuerung der Partei eingebunden. "Ich helfe Frau Marek aus Sympathie, weil sie mich darum gebeten hat" , hatte Waldner dazu im Interview mit dem STANDARD gesagt. Ob Waldner auch genügend Sympathien für die gesamte Landespartei hegt, ist freilich nicht sicher. (Bettina Fernsebner-Kokert/Andrea Heigl, DER STANDARD, Printausgabe, 13.9.2011)