Die Krise in und um Somalia wird eindimensional als "Hungersnot am Horn von Afrika" oder "schlimmste Dürre seit 60 Jahren" beschrieben. Wer nur natürliche Ursachen für diese Krise verantwortlich macht, ignoriert die komplexen geopolitischen Hintergründe, die die Lage so katastrophal machen. Das Verdrängen der von Menschenhand geschaffenen Ursachen für Hunger und Verhungern ist nicht hilfreich für die Krisenbewältigung.

Ich bin soeben aus Kenia und Somalia zurückgekehrt. In Mogadischu habe ich eine junge Frau aus dem südlichen Teil der somalischen Region Lower Shebelle getroffen. Sie hat mit ihrem Mann und ihren sieben Kindern ihr Zuhause verlassen, da die Ernte schlecht war und Nahrungsmittel und Wasser für die Familie nicht erschwinglich sind. Irgendwo auf dem Weg musste die Frau ihren Mann und drei ihrer Kinder zurücklassen, da sie zu schwach für den fünftägigen Marsch waren. Ihre Geschichte ist repräsentativ für tausende andere Familien in Süd- und Zentralsomalia.

Unterernährung ist in vielen Teilen des Horns von Afrika chronisch. Die jüngsten Ernteausfälle haben die Katastrophe nur verschärft. Somalia ist aber vor allem der Schauplatz eines brutalen Kriegs zwischen der somalischen Übergangsregierung, die dem Westen nahesteht und von den Truppen der Afrikanischen Union unterstützt wird und bewaffneten oppositionellen Gruppen, vor allem der Al-Shabaab. Mangels eines funktionierenden politischen Systems hält dieser Krieg, verbunden mit tödlichen Fehden zwischen somalischen Clans, unabhängige internationale Hilfe von vielen Menschen fern. In weiten Gebieten des Landes gibt es praktisch keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung.

Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit zwei Jahrzehnten in Somalia und betreibt an neun Orten auf beiden Seiten der Front Hilfsprogramme. Wir tun alles in unserer Macht Stehende, um unsere Hilfsaktivitäten zu verstärken und den wachsenden Bedarf zu decken. Unsere Teams betreuen bereits mehr als 8000 schwer unterernährte Kinder in Ernährungsprogrammen. Viele Kinder leiden nicht nur unter Mangelernährung: Die vier Kinder der eingangs erwähnten jungen Frau litten nicht nur an Unterernährung, sondern auch noch an Masern. Sie leben mit ihrer Mutter und tausenden Vertriebenen in überfüllten Lagern unter inakzeptablen Bedingungen. Viele Menschen dort leiden an Haut- und Augeninfektionen, wässrigem Durchfall und Atemwegserkrankungen. Manche Flüchtlinge sind zu schwach, sich Essen zu organisieren oder sich auf die Suche nach medizinischer Versorgung zu machen.

In den Flüchtlingslagern in Kenia und Äthiopien konnte Ärzte ohne Grenzen zehntausenden Menschen eine medizinische und ernährungstherapeutische Versorgung bieten. Die Aufstockung der Projekte innerhalb Somalias aber ist langwierig und schwierig. In Gegenden, die als Epizentrum dieser Krise gelten, hat die Al-Shabaab, die westlichen Interessen gegenüber skeptisch ist, ein Einreiseverbot für ausländische Mitarbeiter, ein Einfuhrverbot für Medikamente und Material aus der Luft sowie ein Verbot für Impfkampagnen angeordnet. Auch die vorläufige Aufhebung der US-Restriktionen bezüglich Hilfeleistungen in Gebieten, die von der Al-Shabaab kontrolliert werden, wird den Zugang zur Bevölkerung kaum verbessern.

An anderen Orten werden aufgrund endlos scheinender Verhandlungen simple Arbeitsschritte wie die Anstellung einer Krankenschwester oder das Mieten eines Autos zu langwierigen Projekten, die wertvolle Zeit in Anspruch nehmen, wenn schnelles Handeln gefragt ist. Wir müssen damit leben, dass wir vielleicht nie in der Lage sein werden, jene Menschen und Orte zu erreichen, die am dringendsten Hilfe benötigen.

Inmitten dieses feindlichen Klimas werden Slogans wie "Hungersnot am Horn von Afrika" eingesetzt, um hohe Summen an Geld für Hilfsgüter aufzustellen. Aber ich mache mir Sorgen um das letzte Stück des Weges: Wie die Hilfe und die Hilfsgüter von den Häfen Mogadischus zu den Menschen kommen, die sie so dringend brauchen. Wenn nicht alle Kriegsparteien die Barrieren abbauen, die zwischen den Organisationen, die Leben retten können, und den Menschen stehen, werden wohl weitere tausende Menschen in Somalia einen eigentlich vermeidbaren Tod sterben. (Unni Karunakara, DER STANDARD; Printausgabe, 13.9.2011)

Anmerkung der Redaktion: In der ursprünglichen Variante schrieb derStandard.at vom Kap Horn, wobei es sich um das Horn von Afrika handelt. Der Fehler wurde von uns behoben und wir möchten uns bei der aufmerksamen Leserschaft für die Hinweise bedanken.