Berlin - "Berlusconismus ist eine fröhliche Form des Faschismus", meinte der Zeitungsherausgeber Jakob Augstein am Wochenende bei einer Podiumsdiskussion unter dem Titel "Berlusconisierung Europas?" im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Berlin in der deutschen Hauptstadt. "Es kommt nicht so sehr darauf an, dass Leute gewählt werden, sondern die Inszenierung nach Gesetzen der Unterhaltungsindustrie spielt eine große Rolle", sagte er.

Der Autor Moritz Rinke engte die Definition auf "gegelten Berlusconismus" ein, weil dies die neue Erscheinungsform der Politik, unbedingt im Rampenlicht stehen zu wollen, besser treffe. Die Entwicklung gehe, so Rinke, vom Parteienpolitiker zum Selbstdarsteller, der im eigenen Interesse unterwegs sei. Dies wäre neben Nicolas Sarkozy und Silvio Berlusconi am Klarsten am früheren deutschen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg erkennbar: "Er hat in keiner Weise mehr die Menschen im Blick, sondern fühlte sich zuletzt von den Medien verlassen", sagte Rinke. 

Unanständiges Umfeld

Der aus Ungarn stammende Schriftsteller György Dalos sah im italienischen Ministerpräsidenten Berlusconi das Vorbild für die derzeitige ungarische Regierungspartei Fidesz: "Was mich an den Politikern immer wieder fasziniert, ist, dass ihnen die einfache Macht nicht reicht. Was ist schon an einem Doktorat dran? Oder Schröder, der bei Putin und Ringier endet, die sind aus demselben Stoff." Für Dalos können Politiker nicht anständig sein, weil das Umfeld nicht anständig sei, in dem sie sich bewegen. "Ich sehe in diesen Veränderungen ein Problem, weil sie zu einem Zeitpunkt kommen, da in der ganzen EU Werte in Frage gestellt werden."

In den ersten Tagen, nachdem sich Bundeskanzlerin Angela Merkel hinter ihren Minister Guttenberg gestellt habe, hatte der Autor Rinke das Gefühl, "es sei en vogue schamlos zu sein", sagte er. Für ihn hat die "Berlusconisierung" der Politik in Deutschland mit Bundeskanzler Gerhard Schröder begonnen, "der ohne Basis der Partei, aber mit der "Bild" gearbeitet hat". Er sehe immer mehr das Bild von Politikern, die sich angekommen fühlten, statt dies als Ausgangspunkt für Arbeit zu sehen: "Als Schröder an die Macht kam, war eineinhalb Jahre Wahlparty mit Brioni und Zigarren: Die Kraft war erschöpft in diesem Moment."

Graue Aktenmäuse

"Bei Rösler und Lindner (beide FDP, Anm.) sehne ich mich schon nach Westerwelle", sagte Rinke. "Ich sehne mich nach einem grauen Politiker mit Aktenkoffer, der für das Volk arbeitet." Demgegenüber warnte der Herausgeber Augstein: "Die grauen Aktenmäuse machen es so, dass du es nicht siehst." Das Graue, Prozesshafte der Politik gehe den Menschen in Wahrheit auf die Nerven: "Wir haben eine kindliche Sehnsucht nach Glanz und großen Geschichten", so Augstein. "Das Volk hat sich geradezu libidinös Guttenberg hingegeben." (APA)