Berlin -  Zwei führende Forschungsinstitute sehen die deutsche Wirtschaft am Rande einer Rezession. "Die Konjunktur befindet sich am Beginn einer Schwächephase", schrieb das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) in seiner Herbstprognose. "Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass die Wirtschaft in eine Rezession gerät" - also mindestens zwei Quartale in Folge schrumpft. Dem langjährigen Exportweltmeister drohe wegen der Schwäche wichtiger Handelspartner wie den Euro-Ländern und den USA ein Rückschlag. Das IfW rechnet deshalb im kommenden Jahr nur noch mit einem Wachstum von 0,8 Prozent und stutzte seine Prognose für 2011 von 3,6 auf 2,8 Prozent zurück.

Einen Tick optimistischer ist das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI). Es senkte seine Prognosen für 2012 von 2,2 auf 1,2 Prozent und für dieses Jahr von 3,5 auf 3,0 Prozent. "Die Risiken für eine noch deutlich ungünstigere Entwicklung sind nach wie vor groß", warnt das Institut. Dazu gehörten die Schuldenkrise auf beiden Seiten des Atlantiks, Rezessionsängste in den USA, Inflationsdruck in den Schwellenländern sowie politische Unruhen in Nahost. "Die weltweiten Turbulenzen an den Börsen sind Ausdruck dessen und drohen über Vertrauens- und Vermögenseffekte auf die Realwirtschaft überzugreifen", schrieb das HWWI.

Zahl der Pessimisten wächst

Das Lager der Konjunkturpessimisten ist den vergangenen Wochen deutlich gewachsen. Die Industriestaaten-Organisation OECD sagte erst vergangene Woche voraus, dass die größte Volkswirtschaft Europas im Herbst schrumpfen werde.

Die beiden Institute sagen aber auch drei positive Entwicklungen voraus: Die Arbeitslosigkeit dürfte ungeachtet der Konjunkturabkühlung weiter zurückgehen, die Preise langsamer steigen und das Staatsdefizit schrumpfen. Dem IfW zufolge sinkt die Zahl der Arbeitslosen im kommenden Jahr um durchschnittlich 116.000 auf 2,87 Mio. "Die privaten Konsumausgaben dürften deshalb weiter leicht anziehen", so die Kieler Forscher. "Stützend wirkt, dass die Beschäftigung trotz der Konjunkturschwäche zunimmt."

Auch die abflauende Inflation dürfte dem Konsum auf die Sprünge helfen. Die Verbraucherpreise werden nach Einschätzung des HWWI nur noch um 1,7 Prozent steigen nach 2,2 Prozent im laufenden Jahr. Die Europäische Zentralbank (EZB) spricht bei Werten von knapp unter zwei Prozent von stabilen Preisen.

Trotz der merklichen Konjunkturabkühlung rückt ein schuldenfreier Staatshaushalt in greifbare Nähe. Das Defizit von Bund, Ländern, Kommunen und Sozialversicherungen wird sich 2012 auf 16,5 Mrd. Euro halbieren, sagt das IfW voraus. Das Defizit entspricht 0,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Die EU-Verträge erlauben eine Höchstgrenze von drei Prozent. "Insbesondere die Sozialversicherungen profitieren von der anhaltend guten Arbeitsmarktlage", schrieb das IfW. Sie dürften in beiden Jahren Überschüsse erwirtschaften. (APA/Reuters)