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Maximal drei Prozent des menschlichen Erbgutes stammen noch vom Neandertaler. Eine erfolgreiche Fortpflanzung zwischen den beiden Menschen-Spezies dürfte also eher die Ausnahme gewesen sein.

Foto: REUTERS/Handout

Bern/Genf - Vor kurzem haben Paläontologen in mehreren Studien festgestellt, dass sich Vertreter von Homo sapiens vor und nach ihrer Auswanderung aus Afrika des öfteren mit unterschiedlichen verwandten Menschenarten gepaart haben dürften. Vor allem mit dem Neandertaler soll der moderne Mensch bei zahlreichen Gelegenheiten Nachkommen gezeugt haben. Mit diesem hat Homo sapiens aber nur etwa 1-3 Prozent des Genoms gemein - ein kleiner Anteil, wenn man die ungefähr 10.000 Jahre gemeinsamer Existenz bedenkt. Zwei Schweizer Forscher haben nun ein Computer-Modell entwickelt, um zu verstehen, warum dieser Anteil so klein ist. Es stellte sich heraus, dass erfolgreiche Paarungen zwischen Homo sapiens und Homo neanderthalensis offenbar äußerst selten waren.

Genanalysen haben zuletzt gezeigt, dass wir bis zu drei Prozent unseres Erbguts vom Neandertaler geerbt haben, wie das Schweizer Institut für Bioinformatik (SIB) und die Universitäten Bern und Genf in einem gemeinsamen Bericht schreiben. Doch wo, wann und wie oft sind Kreuzungen zwischen den beiden Arten entstanden?

Um diesen Fragen nachzugehen, erstellten Laurent Excoffier (SIB und Uni Bern) und Mathias Currat (Uni Genf) ein Informatikmodell. Damit simulierten sie, wo die Mischungen stattgefunden haben könnten und wie häufig sie sein mussten, um die in unseren Genen beobachteten Neandertaler-Erbstücke erklären zu können.

Anthropologen gehen davon aus, dass der moderne Mensch (Homo sapiens) vor etwa 40.000 bis 50.000 Jahren auf den Neandertaler traf, nachdem er aus Afrika ausgewandert war, um Europa und Asien zu besiedeln. Der Neandertaler, der Afrika schon früher verlassen hatte, lebte noch etwa bis vor 30.000 Jahren im selben Gebiet und starb dann aus.

Ohne die geringe Erfolgsrate  "wären wir heute alle Neandertaler"

Basierend auf Erbgutproben von Menschen aus Frankreich und China spielten Excoffier und Currat zahlreiche Szenarien des Aufeinandertreffens durch. Sie berücksichtigten zum Beispiel verschiedene Bevölkerungsdichten, Wachstumsraten und Ausbreitungsgeschwindigkeiten der Populationen.

In den meisten Szenarien zeigte sich, dass Vermischungen zwischen Mensch und Neandertaler sehr selten sein mussten. Die Erfolgsrate für Kreuzungen lag unter zwei Prozent, wie die Forscher im Fachblatt "PNAS" berichten. "Ohne diese starken Reproduktionseinschränkungen wären wir heute alle Neandertaler", wird Excoffier im Communique zitiert.

Was genau die Vermischung zwischen Mensch und Neandertaler verhinderte, bleibt aber unklar. Die Wissenschafter haben zwei Vermutungen: Zum einen könnten beide Spezies einander aus dem Weg gegangen sein. Zum andern war vielleicht die Fortpflanzungs- oder Lebensfähigkeit der Neandertaler-Mensch-Nachkommen stark eingeschränkt.

Europa und Asien

Die Studie liefert auch eine neue Erklärung für die Beobachtung, dass Menschen in Europa und Asien ähnlich viel Neandertaler-Erbgut in ihrem Genom aufweisen. Laut Excoffier und Currat gab es nämlich nicht nur in Europa und dem Nahen Osten einzelne Kreuzungen, sondern auch im Altai-Gebirge nördlich des Himalayas.

Einige dieser mittelasiatischen Vermischungen ereigneten sich wohl erst, nachdem sich der moderne Mensch in einen europäischen und einen asiatischen Stamm aufgeteilt hatte. Stimmt dies, müssten Asiaten und Europäer von den Neandertalern zwar ähnlich viele, aber unterschiedliche Gene geerbt haben. (red/APA)