Rom - Die Staatsanwälte Neapels, die wegen einer Erpressungsaffäre ermitteln, in die der italienische Premier Silvio Berlusconi involviert ist, setzen den Regierungschef unter Druck. Nachdem Berlusconi sich am Dienstag geweigert hatte, als Zeuge vor den Staatsanwälten auszusagen, weil er in Brüssel und in Straßburg mit Beratungen über die Schuldenkrise beschäftigt sei, verlangen die neapolitanischen Justizbehörden ein Treffen mit dem Premier am kommenden Sonntag. Als Alternative könne der Premier selbst einen Termin zwischen dem kommenden Donnerstag und Sonntag ausmachen, teilte der neapolitanische Staatsanwalt Giandomenico Lepore am Dienstag mit.

Sollte der Premier die Befragung verweigern, könnten die Staatsanwälte dem Parlament einen Antrag auf eine zwangsweise Vernehmung Berlusconis stellen. Der 74-jährige Ministerpräsident soll in seiner Rolle als Erpressungsopfer vernommen werden. Ursprünglich hatte das Treffen mit den Staatsanwälten am heutigen Dienstag in Berlusconis Amtssitz in Rom stattfinden sollen. Verteidiger des Premiers hätten nicht anwesend sein sollen, da der Premier nicht angeklagt ist und lediglich als Zeuge befragt werden soll.

Der Skandal kreist um den vor zehn Tagen verhafteten Unternehmer Giampaolo Tarantini und dessen Ehefrau. Diese hatten bei einem Verhör in Neapel den Vorwurf zurückgewiesen, Berlusconi für Falschaussagen über Callgirls, die in den Residenzen des Premiers in Rom und auf Sardinien ein- und ausgingen, erpresst zu haben. Berlusconi habe ihnen lediglich Geld gegeben, weil Tarantini wegen der gegen ihn laufenden Ermittlungen wegen Drogenhandels und Korruption nicht arbeiten konnte.

Die Ermittler gehen dagegen davon aus, dass das Ehepaar von Berlusconi für ihr Schweigen über die Callgirls, die beim Regierungschef verkehrten, 850.000 Euro erpresst haben soll. Zudem solle Tarantini monatlich weitere Summen vom Premier erhalten haben. Die Vorwürfe der Ermittler basieren auf abgehörten Telefongesprächen.

Die italienische Opposition beschuldigte Berlusconi, kurzfristig einen Besuch bei EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso, EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy und dem Präsidenten des Europäischen Parlaments, Jerzy Buzek, organisiert zu haben, um der Anhörung vor italienischen Staatsanwälten fern zu bleiben. Berlusconi wies diesen Vorwurf entschieden zurück. (APA)