Die U-16 Nachwuchsmannschaft des FC Blau Weiss Linz

Foto: Toumaj Khakpour

Jugendleiter Gustav Kohout auf seiner Trainerbank

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Am Spielfeld wird ausdrücklich Deutsch gesprochen, darauf legt der gesamte Trainerstab viel Wert.

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Semir, Aleksandar, Dario, Lukas, Ufuk und Atakan (v.l.o.)

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Co-Trainer Martin Hofer

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Kurz vor halb sieben am Fußballtrainingsplatz der Jugendmannschaft des FC Blau Weiss Linz. Vor den Eingangstüren der Spielerkabinen stehen die Burschen bereits seit einigen Minuten an, um mit dem Training zu beginnen. Es ist eine bunt gemischte Truppe, denn besonders bei jungen Migranten ist das Spiel mit dem runden Leder beliebt. Ganze 15 von 18 Spielern im Kader haben einen sogenannten Migrationshintergrund. Die "einheimischen" Mannschaftskollegen sehen das als einen erheblichen Vorteil an. "Die Sichtweise ändert sich, man wird toleranter und es entwickeln sich Freundschaften", erzählt Torhüternachwuchs Lukas. Der 14-jährige kennt seine Spielerkameraden schon seit seinem sechsten Lebensjahr und unterstreicht, dass sich diese freundschaftlichen Beziehungen auch über den Sportplatz hinaus weiterführen lassen.

Teamspirit überragt Barrieren

Sportliche Meinungsverschiedenheiten kommen im Team zwar vor, gehören aber zu jedem Mannschaftssport dazu: "Reibereien gibt es nur, wenn jemand den Ball nicht rechtzeitig abspielt und eigensinnig ist", sagt der 15-jährige Dario. Die beiden Kameraden Atakan und Aleksandar sehen in der Freude am Spiel den größten gemeinsamen Nenner um ein vorurteilfreies Teamgefühl zu entwickeln. Die Mannschaft muss als Team funktionieren, dass kann nur gelingen wenn alle 100 Prozent geben und sich niemand quer stellt.

Die beiden 14-jährigen reisen zwar gerne nach Serbien und in die Türkei - in der Heimat ihrer Eltern werden sie als Gäste gesehen, erzählen sie. Wenn man sie fragt für welche Nationalmannschaft sie gerne spielen würden, fällt ihnen die Antwort sichtlich schwer. Ein zögerndes "für die Türkei" kommt dem linken Mittelfeldspieler Atakan dann doch über die Lippen.

Deutsch beim Training

Der Jugendleiter Gustav Kohout sieht vor allem im sportlichen Miteinander einen wesentlichen Integrationsfaktor: "Wir müssen spielerisch gut miteinander auskommen, es ist überhaupt nicht wichtig, von wo jemand ursprünglich her ist". In Sachen Integration fügt der erfahrene Jugendtrainer-Ausbildner hinzu: "Es sind alle herzlich willkommen, wir wollen eine große Familie sein". Der Jugendkoordinator ist für den reibungslosen Ablauf der Spieler-Anmeldungen, Trainer-Umschulungen und der Nachwuchsgruppen verantwortlich. "Disziplin und gegenseitiger Respekt" sind zwei wichtige Pfeiler unter den Spielern, so der Blau Weiss-Verantwortliche.

Am Spielfeld wird ausdrücklich Deutsch gesprochen, darauf legt der gesamte Trainerstab viel Wert. Falls es bei manchen Jugendlichen - die gerade erst nach Österreich gekommen sind - doch noch Schwierigkeiten mit der Sprache geben sollte, versuchen Trainer und Spieler gemeinsam als Übersetzer zu fungieren.

Rassismus ist ein Thema

Zusammen mit Jürgen Wöss, dem Trainer des U16-Kaders bei Blau Weiss, bestreitet die Mannschaft jedes Wochenende Meisterschaftsspiele gegen Mannschaften aus der Oberösterreich-Nachwuchsliga. Dabei erleben Trainer- und Co-Trainer manchmal auch "unmenschliche Szenen" und Fremdenfeindlichkeit. Von den Zuschauerrängen der Gegner sei "manchmal große Unsportlichkeit zu beobachten", sagt Hofer. Der 20-jährige vermutet, dass eine "fehlende Auseinandersetzung mit dem Thema Vergangenheit in Österreich" hinter diesen Auswüchsen steckt. Die U16-Mannschaft, die er mitbetreut, hat 80 Prozent Migrantenanteil aus gut 15 Nationen - eine Tatsache, die Leuten mit Hang zum Alltagsrassismus ein Dorn im Auge sein kann.

Das Team als Abbild der Gesellschaft

"Man sollte jedem Menschen eine Chance geben, egal woher er stammt.", sagt Semir. Der Österreicher mit bosnischen Wurzeln weiß aber aus dem Alltagsleben, dass es im Bezug auf junge MigrantInnen genug falsche Zuschreibungen gibt. Mit diesen Vorurteilen möchte auch sein Teamkollege Ufuk nichts zu tun haben: "Wir kommen miteinander gut aus - egal welche Hautfarbe der Andere hat." Der Mittelfeldspieler dessen Eltern aus der Türkei stammen, ist einer von vielen jungen Migranten der zweiten Generation, die durch ihr sportliches Engagement ein reales Abbild der österreichischen Gesellschaft schaffen.

Außerhalb des Sports ist die migrantische Bevölkerungsgruppe in unserer Gesellschaft allerdings größtenteils unterrepräsentiert. Auf den grünen Rasen sieht es zwar anders aus, statistisch ist es allerdings noch nicht belegt. Der Österreichische Fußballbund führt keine Zahlen über Migranten. Zwar sind Statistiken "über Nichtösterreicher" vorhanden, aber nicht jeder Nicht-Österreicher ist "Migrant", sagt Thomas Hollerer, Direktor für Recht und Administration des ÖFB.

Fußball als Rettungsanker

Die Gründe warum junge "Migrantenkinder" vermehrt die Fußballschuhe schnüren und auf den Rasen drängen, liegen einerseits in der Sportart selbst. Fußball ist im Gegensatz zu Schifahren, Klettern oder Rudern mit wenigen finanziellen Mitteln bestreitbar. Der zweite Grund ist darin zu sehen, dass die meisten Kinder- und Jugendlichen im Verein aus einfachen sozialen Verhältnissen stammen und somit "der Fußball für sie die ideale Gelegenheit" ist aus dem tristen Alltag auszubrechen um "vielleicht in Zukunft ein besseres Leben zu führen", meint U16-Co-Trainer Hofer.

Sport wird vorbehaltslos respektiert

Für Thomas Hollerer vom ÖFB, ist das Thema Integration durch Sport ein wichtiger Faktor: "Gerade im Sport im Allgemeinen und im Fußball im Besonderen, können Migranten viel leichter Fuß fassen als in vielen anderen Bereichen. Dies deshalb, weil sportliche Leistung einfach unabhängig von Hautfarbe, Religion und Nationalität respektiert wird." Der ÖFB unterstützt auch die Initiative "FARE" - Football Against Racism in Europe, betont Hollerer.

Österreichs Fußball ist vielfältig, und das wohl in allen Ligen und Altersklassen. Diese Diversität ist im Fußballsport gang und gäbe und fängt bei den Jungen ab sechs Jahren an und geht weiter bis in die Mannschaftslisten der Profis. Für den alteingesessenen Fußballfan ist das ein alter Hut, obgleich das Wechselverhältnis von Integration und Fußball gerade in den letzten Jahren wieder öffentlich mit neuem Elan behandelt wurde. Heute wird auch in Österreich der Fußball als gelungenes Exempel für Integration statuiert. Den negativen Beigeschmack bekommt das Phänomen "Erfolg im Sport als Integrationsleistung", wenn Spitzensportler als gelungenes Beispiel für Integration hochgejubelt werden und gleichzeitig die Situation vieler anderer "Migranten" unverändert bleibt. (Toumaj Khakpour, daStandard.at, 14. September 2011)