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Richard Hamilton steht für Malerei und Collagen mit kritischem Geist und hintergründigem Humor.

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Seine wichtigsten Werke, so wie "Interior II" (1964), sind in der Sammlung der Tate Modern.

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Hamiltons eiserner Vorhang der Wiener Staatsoper, 2001 (Museum in Progress)

 

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Wien/ London - 2007 malte er den britischen Ex-Premier Tony Blair als Cowboy mit den Fingern am Colt. Als "Pionier der Pop-Art" wird der am Dienstag 89-jährig gestorbene Richard Hamilton oft bezeichnet. Allerdings weist Hamilton über diesen Begriff weit hinaus. Anders als viele nach ihm kommende Pop-Artisten ließ Hamilton es nicht bei der Oberfläche der Dinge bewenden.

Blair als Revolverrabauke im Bündnis mit George W. Bush: Dieser Gedanke brachte ihn auch sechs Jahre nach diesem Schulterschluss noch zum Kochen. Eine Wut, die sich in Schock und Ehrfurcht als Seitenhieb auf die Irakkrieg-Politik entlud.

Hintersinnig kommentierte Hamilton in seinen Bildern auch den Golfkrieg oder den Nordirland-Konflikt. Zwar nutzte auch er gefundene Bilder aus Medien und Kommerz als Quellenmaterial, aber diese verwiesen oft auf geschichtliche oder auch popkulturelle Schlüsselmomente.

So wie der Zeitungsschnappschuss von Mick Jagger, der Hamilton zu Swinging London (1967-1973) inspirierte: Das Gemälde zeigt den Rolling-Stones-Frontman gemeinsam mit dem Kunsthändler Robert Fraser nach einer Drogenrazzia in Handschellen.

Dass der 1922 in London geborene Hamilton unbequem war, beweist bereits die frühe Biografie: Sein erstes, vom Zweiten Weltkrieg unterbrochenes Studium der Malerei schloss er nicht ab; die Royal Academy setzte ihn vor die Tür, weil er sich der Autorität der Lehrer widersetzte. Zur Vaterfigur der Pop-Art - zumindest begrifflich - machte den Bewunderer von Marcel Duchamp 1957 die bahnbrechende Schau This is tomorrow in der Whitechapel Gallery, neben Tate Modern und der White-Cube-Galerie der renommierteste Ausstellungsort Londons. Seine kleine Collage Just what is it that makes today's homes so different, so appealing? war auch das Motiv des Ausstellungsplakats.

"POP!" konnte man dort auf dem Teppichklopfer-artigen Lollipop eines Bodybuilders lesen. Eine Collage, die sich auch in der Tradition der politischen Fotomontagen des zeitweise im britischen Exil lebenden Dadaisten John Heartfield lesen lässt. Hamiltons Beißkraft und Ironie richtete sich nicht nur gegen andere: 1967 porträtierte er etwa sich selbst samt typischer blauer Schirmkappe als Titelheld des Time-Magazins.

So bildgewaltig und symbolisch aufgeladen die meisten seiner Werke auch sind, so ist seine wohl am weitesten verbreite Arbeit quasi als Antithese zu verstehen: 1968 gestaltete er das legendäre White Album der Beatles. Dem Titel entsprechend war es eine monochrome weiße Fläche. Erst im Inneren fand sich eine Collage aus Beatles-Fotos. Mehr als 40 Jahre danach wurde eine rare Pressung vom Doppelalbum der Pilzköpfe bei einer Internetauktion um 22.700 Euro versteigert. Hamilton selbst hatte nur 200 Pfund für das Design erhalten.

Seine Kunst verkaufte sich allerdings nicht unter ihrem Wert. Den Höchstpreis erzielte 2006 bei Sotheby's London eine seiner Fashion Plate -Collagen aus der Ende der 1960er Jahre entstandenen Serie Cosmetic Studies: Für dieses Blatt wurden umgerechnet 641.000 Euro netto hingelegt.

In Wien war Richard Hamilton zuletzt 2001, als er den eisernen Vorhang der Wiener Staatsoper gestaltete: Den Opernbesuchern hielt der kritische Geist einen Spiegel vor, servierte ihnen eine Fake-Innenansicht der vollbesetzten Mailänder Scala samt Orchestergraben.

Zuletzt arbeitete er an seiner großen Retrospektive, die 2013 und 2014 in Los Angeles, Philadelphia, London und Madrid zu sehen sein wird. Die Kunstwelt habe "eine ihrer führenden Persönlichkeiten" verloren, beklagte seine Galerie (Gagosian, London) den Tod Hamiltons.  (Anne Katrin Feßler  / DER STANDARD, Printausgabe, 15.9.2011)