Sich bei der Vermarktung von Innovation auf staatliche Förderungen zu verlassen ist für Tillmann Gerngross der falsche Weg. Der Professor für Biotechnik am Dartmouth College, dreifache Unternehmensgründer und Risikokapital-Investor, sprach beim 8. Austrian Science Talk 2011 in New York über die Herausforderung, in einer komplexen Welt zukunftsträchtige Ideen auszumachen.

Veranstaltet wird das Treffen der im Netzwerk ASciNA organisierten österreichischen Wissenschafter in Nordamerika vom Infrastrukturministerium und der österreichischen Botschaft in Washington. Heuriges Thema war die Frage nach der Innovationsführerschaft Österreichs. Während viele Teilnehmer sich einig darüber waren, dass Österreich wirtschaftlich in der Lage sei, eine Forschungsquote von mehr als drei Prozent (derzeit: 2,76 Prozent) zu erreichen, schieden sich die Geister bei der Umsetzung.

Gerngross glaubt nicht, dass Regierungen die Gewinner und Verlierer etwa im Biotech-Bereich mittels Förderungen ermitteln sollten. Weder würde sich der Staat thematisch zurechtfinden, noch eigne sich das Instrument: "Grants sind giftig. Akademiker, die Innovation kommerzialisieren wollen, sind zu sehr auf die nächste Förderung fokussiert."

Robert Schiestl, Professor an der UCLA School of Medicine and Public Health, hält die österreichischen Förderinstrumente in seinem Bereich für treffsicher. So konnte er über ein "Translational Research Professorship" eine Krebsforschungsgruppe in Österreich aufbauen. "Das Besondere an Österreich sind Pre-Seed Grants", sagt Schiestl. Projekte im Biotech-Bereich könnten 200.000 Euro vom Staat bekommen, und zwar noch vor der Unternehmensgründung. In den USA fehlt ein solches Instrument. "Ich glaube nicht, dass Grants giftig sind. Sie machen vielmehr andere Investoren aufmerksam."

Gerngross verweist indes auf die in den USA weitverbreiteten, privaten Forschungsgelder. Stiftungen, Venture-Kapitalgeber und auch Pharmaunternehmen seien zur Finanzierung riskanter Projekte bereit, eine Struktur, die in Österreich fehle. Karin Schaupp vom Rat für Forschung- und Technologieentwicklung sieht zwar einen projektorientierten Einsatz privater Forschungsgelder in Österreich. Dass ein Philanthrop seine Alma Mater beschenkt, komme so gut wie nicht vor. "In einem Hochsteuerland fragen sich die Leute, warum soll ich noch etwas beitragen", so Schaupp.

Abschauen, nicht kopieren 

Für Gerald Steiner, Associate Professor am Institut für Systemwissenschaften der Universität Graz und zurzeit Josef A. Schumpeter Fellow an der Harvard University, ist es entscheidend, dass sich Österreich etwas von Ländern mit ähnlicher Struktur abschaut. Jedoch: "Wenn jemand nur kopiert, hat er weder das eigene noch das andere System verstanden." Dass sich Österreich von den USA somit gar nichts abschauen kann, stimme aber nicht. Der Reiz der US-Eliteunis liege nicht nur in der Ausstattung. "Hier werden Studenten willkommen geheißen", berichtet Steiner, "in Österreich sagt keiner Hallo."

Herausragende Leistungen österreichischer Jungwissenschafter in Nordamerika wurden auch heuer wieder mit den ASciNA Awards prämiert, die vom Wissenschaftsministerium mit jeweils 10.000 Euro dotiert sind. Der "Young Scientist Award" ging an den Grazer Physiker Georg Stadler, der an der University of Texas, Austin, forscht. In interdisziplinärer Zusammenarbeit untersuchte Stadler den Zusammenhang zwischen Umwälzungen des Erdmantels und der Plattentektonik. Das Paper schaffte es auf die Titelseite von Nature.

Ebenfalls ein Physiker holte sich den "Junior PI Award". Thomas Karl vom National Center for Atmospheric Research in Boulder beschrieb in Science seine Analyse flüchtiger organischer Verbindungen in der Atmosphäre und wie die Luftzusammensetzung Pflanzen bei der Aufnahme von Schadstoffen beeinflusst. (arie/DER STANDARD, Printausgabe, 14.09.2011)