Die Silfra-Schlucht ist ein geologisch dynamisches Gebiet. Pro Jahr bewegen sich Nordamerika und Eurasien um zwei Zentimeter auseinander.

Foto: Charles Hood, www.charleshood.com

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Anreise & Unterkunft:

Mit Austrian Airlines direkt von Wien nach Reykjavík oder mit Air Berlin via München (www.austrian.com, ). Das Padi Dive Center Iceland bietet Ausflüge in den Nationalpark Thingvellir an. Tauchanzug und Geräte können gemietet werden. Die Silfra-Schlucht zählt wegen ihrer Wasserqualität zu den besten Tauchdestinationen der Welt.

Grafik: DER STANDARD

Kalt ist gar kein Ausdruck. Es fühlt sich an, als wäre man in einem Eiswürfel gefangen. "Cold, cold water surrounds me now", singt Damien Rice in einem seiner Lieder. Die Stimme ist viel zu warm und viel zu süß. Der Mann hat keine Ahnung. Der erste Gänsehautschauer. Schütteln am ganzen Körper. Stechender Schmerz auf den Lippen.

Die Wassertemperatur in der Silfra-Schlucht beträgt das ganze Jahr über konstante zwei Grad Celsius. Es ist das Schmelzwasser vom Langjökull, vom großen Gletscher hoch oben in den Bergen. Für die 50 Kilometer lange Strecke zwischen Gletscher und Schlucht benötigt das Wasser unfassbare 30 lange Jahre. Langsam sickert es durch das poröse Lavagestein, kämpft sich von einer Basaltsteinpore zur nächsten, ehe es im Nationalpark Thingvellir, irgendwo in der Mitte von Island, wieder das erste Mal an die Erdoberfläche tritt.

Thingvellir ist der Ort, wo im Jahr 930 das Althing, die erste verbriefte parlamentarische Versammlung des isländischen Volkes, stattgefunden hat. Und es ist das älteste, heute noch aktive Parlament der Welt. In Thingvellir wurden Gerichtsversammlungen abgehalten, Urteile gesprochen und Exekutionen durchgeführt. Die Männer wurden gehängt oder geköpft, die Frauen wurden in einen Sack gesteckt und im eiskalten Wasser ertränkt. Der zweite Gänsehautschauer.

Aron Bjarnason macht ein Handzeichen aus der Ferne. Dicker Handschuh. Geballte Faust und Daumen nach unten. Abtauchen. Es sind zwar nur 20 Meter, doch es fühlt sich an, als wären es 20.000 Meilen. Mit jedem Flossenschlag tauchen links und rechts immer dramatischere Gesteinsformationen auf. Und es sind nicht irgendwelche Felswände. Es sind die abgerissenen Enden zweier Kontinente: links die eurasische Platte, rechts die nordamerikanische. An manchen Stellen beträgt die Distanz zwischen den beiden Erdteilen 60, vielleicht 70 Meter. An anderen Stellen jedoch ist die Schlucht so eng, dass man mit beiden Händen danach greifen kann.

Kalt ist gar kein Ausdruck. Mit jedem Atemzug wird das Gewebe tauber und tauber. Die Steine ragen wie bizarre Dämonen aus der Wand. "Manchmal", wird Aron später erzählen, "manchmal taucht man ahnungslos vor sich hin, und plötzlich sieht man, wie sich ein Felsen löst und langsam zu Boden gleitet. Wegen des Wassers ist der Widerstand viel größer, und man kann den Kräften der Natur in Zeitlupe zusehen. Es ist atemberaubend schön."

Und es ist gefährlich. Das Abtauchen unter die Felsvorsprünge ist daher strengstens verboten. Die Kontinentalspalte, die von Südwest nach Nordost quer durch ganz Island verläuft, ist ein geologisch dynamisches Gebiet. Pro Jahr bewegen sich die Kontinente um zwei Zentimeter auseinander. Manchmal kracht es, manchmal donnert es, manchmal zischen Dampf und Lava aus dem Schlund. "Ich bin fast täglich in der Silfra-Schlucht unterwegs", sagt Aron. "Ich kenne fast jeden Kieselstein. Die Landschaft mag auf den ersten Blick zwar tot und starr erscheinen, aber wenn man genauer hinsieht, dann erkennt man, dass sie sich alle paar Tage ein bisschen verändert. Man muss nur geduldig sein."

Das Temperaturempfinden lässt langsam nach. Die Oberlippe fühlt sich an, als wäre sie nicht mehr Teil des eigenen Körpers. Man wird müde und träge. Damien Rice aus dem Off: "Or am I lost?" Durst. Mundstück raus. Lippen bewegen. Gletscherwasser in den Mund. Ein Schluck aus der Schlucht. Kalt ist gar kein Ausdruck.

Aron taucht schon seit seinem 15. Lebensjahr. Jetzt ist er 20, Tauchlehrer im Padi Dive Center Iceland und bewegt sich so graziös durchs Wasser wie eine Nixe. Und das trotz Trockentauchanzugs, in dem die Tarierung wegen der eingeschlossenen Luft zwischen Körper und Neopren viel schwieriger ist als in jeder anderen schwarzen Tauchergummihaut. Und der Autor weiß, wovon er spricht: Einmal pumpt er zu viel Luft in sein Astronauten-Outfit und schießt wie eine Rakete nach oben, ein ander mal drückt er zu lange aufs Ventil und sinkt ab wie ein Stein. Macht nichts. Bewegung hält warm.

Aron leuchtet mit der Taschenlampe in einen Felsspalt hinein. Ein zehn Zentimeter langer arktischer Seesaibling blickt mit weit aufgerissenen Augen in den Lichtkegel. Hektischer Kiemenschlag. Große Verwunderung auf allen Seiten. Lebewesen, muss man nämlich wissen, begegnet man in der Silfra-Schlucht nicht allzu oft. Nur selten passiert es, dass sich ein paar Krebse oder Fische irrtümlich aus dem Thingvallavatn-See in die dramatischen Spalten verirren. Von Tauchern gar nicht erst zu sprechen.

Aron. Geballte Faust. Zeigefinger geradeaus. Als würden gelbe und grüne Geister schwerelos auf unsichtbaren Fäden vom Himmel hängen, sieht man in der Ferne knallig bunte Schleimalgen im Wasser schweben. Alljährlich wachsen sie in der warmen Jahreszeit zu diesen zarten, federleichten Schleiern heran. Durch die feinen Gasbläschen, die aus dem vulkanischen Gestein dringen, werden die Algen an manchen Stellen nach oben gehoben. Es ist ein ästhetisches Spektakel, ein Tanz aus Luft und Materie.

40 Minuten. Zwei Grad Celsius. Alles taub. Aron, der Meerjungmann, gibt das Zeichen zum Auftauchen. Die nasse Reise ist aus und vorbei. "Mein Gott, war das wieder schön", sagt er. "Und hast du den kleinen Saibling gesehen? Der war schon letztes Mal da. Das kleine Kerlchen will einfach nicht weg. Wie hat's dir gefallen? Du sagst ja nichts. Ist dir kalt?" Damien Rice, Refrain: "And I always have Hallelujah!" (Wojciech Czaja/DER STANDARD/Rondo/16.09.2011)