Eugen Banauch: "Wir reden von knapp über 1000 Euro netto im Monat für einen hochqualifizierten Vollzeitjob."

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"I accept chaos, I'm not sure whether it accepts me": Bob Dylan, musikalischer Chaostheoretiker und Forschungsobjekt unter dem wissenschaftlichen Raster - hier bei einem Konzert in Tel Aviv am 20. Juni.

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STANDARD: Sie sind seit Oktober 2010 "Österreich-Lektor" an der Hebrew University - wieso Israel?

Banauch: Es hat mich gereizt, außerhalb Österreichs zu lehren, darum habe ich mich um die postdoktorale Lektorenstelle beim Österreichischen Austauschdienst (ÖAD) beworben. Außerdem habe ich mich intensiv mit dem jüdischen Exil beschäftigt, genauer mit jüdischen Autorinnen und Autoren, die auf der Flucht vor Nazideutschland nach Kanada gekommen sind. Daher mein kulturelles und geschichtliches Interesse an Israel.

STANDARD: Was sind die augenscheinlichsten Unterschiede zwischen dem Hochschulsystem in Österreich und dem in Israel?

Banauch: Was ich aus meiner Arbeit in den Geisteswissenschaften bemerken kann: In der Wahrnehmung vieler Israelis sind die Unis näher am Leben dran, haben Identifikationspotenzial. Wissenschaft ist ein gesellschaftlich sinnvoller Beitrag, etwas zum Anfassen und wird auch so gesehen. Die bei uns ebenso starke wie falsche Wahrnehmung, dass gerade Geistes- und Sozialwissenschaften eigenbrötlerisch im Elfenbeinturm stattfinden, dass diese Arbeit die Gesellschaft nicht berührt und nicht von ihr berührt wird - das gibt es in Israel viel weniger. In Cannes wurde heuer der israelische Film Footnote für das beste Drehbuch ausgezeichnet. Das ist ein unterhaltsamer, frischer Film, im Universitätsmilieu angesiedelt: Vater und Sohn, beide Professoren an der Hebrew University, fechten so manchen Strauß aus, da ihre Berufs- und Lebensauffassungen aufeinanderprallen. Die Relevanz ihrer Arbeit für die Gesellschaft wird aber deutlich.

STANDARD: Gibt es etwas, wo Sie sagen, das ist in Österreich im Hochschulbereich besser als in Israel?

Banauch: Überschattet wird derzeit leider alles davon, dass es da wie dort extreme finanzielle Engpässe gibt. Allein an meiner Fakultät in Wien sollen in den nächsten drei Jahren fünf Prozent der Personalkosten eingespart werden. Dabei steigen die Studienanfängerzahlen im zweistelligen Prozentbereich, sodass nicht einmal das Gegenteil, also eine fünfprozentige Erhöhung der Personalkosten, ausreichend würde, um diesen Zuwachs zu bewältigen.

STANDARD: Gibt es auch Unterschiede in der Wissenschaftskultur oder im Klima an den Universitäten?

Banauch: Mein Eindruck ist, dass in Israel Dissertantinnen und Dissertanten besser in den Unibetrieb integriert sind. Da ist es üblicher, während des Doktoratsstudiums Lehrerfahrung zu sammeln.

STANDARD: Sie kennen Universitäten in Großbritannien, in Kanada, in Israel und Österreich - was fehlt in Österreich am meisten?

Banauch: Zum einen fehlt die größere "Betreuungsfreude", die ich aus dem anglo-amerikanischen System kenne. Natürlich gibt es immer eine persönliche Komponente - Lehrende müssen den Kontakt mit Studierenden als einen integralen Teil des Berufs definieren und Freude daran haben - , aber vor allem auch eine strukturelle: ohne Anreiz, ohne besseres Studierenden-Lehrenden-Verhältnis, ohne größere Anerkennung der Lehre wird das in Österreich nicht gelingen. Zum anderen: die flacheren Hierarchien, wie etwa in Kanada - beispielsweise dadurch, dass es die Habilitation nicht gibt. Wer diese hinterfragt, rüttelt in Österreich an einem Tabu, ich aber finde es nur folgerichtig: Es wird Zeit, das anglo-amerikanische System, das studienplanmäßig mit Bachelor und Master-Modulen längst umgesetzt ist, auch lehrendenseitig umzusetzen. Durchgängige Karrieremodelle, die Motivation, dass gute Leistungen des jüngeren wissenschaftlichen Uni-Personals auch mit sozialer Planbarkeit abgegolten werden: Trotz noch so guter Leistungen hängt ja seit ein paar Jahren jede/r in den Geisteswissenschaften in der Luft, und das oft bis vierzig und länger. Viele gute Nachwuchswissenschafter geben früher auf oder wandern ab.

STANDARD: Im Oktober kommen Sie zurück nach Österreich, an die Uni Wien an ihre befristete 50-prozentige Qualifikationsstelle am Institut für Anglistik und Amerikanistik. Damit haben Sie, wie die meisten Nachwuchswissenschafter, nur jahrelanges Prekariat als Zukunftsaussicht. Warum trotzdem Wissenschaft? Warum in Österreich?

Banauch: Österreich ist damit leider nicht allein. Statistiken zeigen, dass in den USA in den letzten Jahren gerade einmal 30 Prozent der PhDs in den Humanities eine - zeitweilige - Uni-Anstellung erreichen konnten. In Österreich und Deutschland sind die Zahlen vermutlich deutlich schlechter. Warum Wissenschaft? Weil ich es wirklich gern mache und es bisher auch - wenn auch mit finanziellen Einschränkungen - geklappt hat. Das Risiko, dass ich mich aber mit Mitte/Ende dreißig beruflich ganz neu orientieren werde müssen, weil dann universitär die Fahnenstange erreicht ist, besteht; es ist sogar wahrscheinlich. Wie viele meiner Generation, die prekär angestellt sind, bewerbe ich mich regelmäßig auf passende Ausschreibungen im Ausland.

STANDARD: Was steht auf der Wunschliste eines jungen Wissenschafters an die Politik ganz oben?

Banauch: Ein persönlicher Punkt, weil ich da, wie viele, direkt betroffen bin: keine Ausschreibung von halben Qualifikationsstellen! Das wird derzeit in Österreich und auch in Deutschland laufend gemacht, und ist an Zynismus nicht zu überbieten. Denn: Das Einzige, was halb ist, ist das Gehalt, gearbeitet wird voll. Man gibt ja nach den vier bis sechs Jahren Vertrag keine halbe Doktorarbeit oder Habilitation ab, schreibt in dieser Zeit nicht die Hälfte der wissenschaftlichen Aufsätze, organisiert oder fährt nicht auf halb so viele Konferenzen. Tatsächlich wird natürlich alles ganz gemacht - täte man das nicht, gäbe es nachher gar keine Möglichkeit, sich an einer anderen Uni für eine Stelle zu bewerben. Klartext: Wir reden von knapp über 1000 Euro netto im Monat für einen hochqualifizierten Vollzeitjob, mit gar nicht rosigen Zukunftsaussichten.

STANDARD: Wo liegen denn generell die größten Probleme der österreichischen Universitätspolitik der letzten Jahre aus Sicht eines Nachwuchswissenschafters?

Banauch: Was mittlerweile einer ganzen Generation fehlt, ist Planungssicherheit. Niemand ist an Sesselklebern im Uni-Betrieb interessiert, die es ja auch gegeben hat. Stärkere Leistungsüberprüfungen waren wichtig. Aber das Pendel ist nun extrem in die Gegenrichtung ausgeschlagen. Wenn über etliche Jahre exzellente Leistungen erbracht worden sind, muss sich das auch irgendwann lohnen, das ist in vielen anderen Berufen ja auch und richtigerweise der Fall. Das derzeitige System beißt sich aber in den Schwanz, denn: Die neoliberalen Verschlechterungen der letzten Jahre haben absurderweise dafür gesorgt, dass Leistung eben nicht belohnt wird.

STANDARD: Zum Beispiel?

Banauch: Institute und Professoren sind für die Institutsbilanz angehalten, Drittmittelprojekte einzuwerben, in denen junge Doktorandinnen und Doktoranden für ein paar Jahre angestellt werden. Egal, wie gut deren Arbeit ist: Mittelfristig gibt es für diese aber kaum berufliche Zukunft in der Wissenschaft, weil die nächste Stufe in der Karriereleiter fehlt. Es muss hier auch bedacht werden, dass es bei uns bis dato für Geisteswissenschafterinnen und Geisteswissenschafter eine nur sehr geringe Durchlässigkeit in andere berufliche Bereiche gibt. Das ist aber nicht überall so. In England etwa landen besonders viele im Managementbereich. Sie sind dort wegen ihrer Bildung, der Fähigkeit, kritisch-analytisch zu denken, aber vor allem auch, weil sie in rapid wechselnden Arbeitswirklichkeiten flexibel bleiben können, gefragt. In Österreich ist der Einstieg in die Privatwirtschaft noch viel problematischer.

STANDARD: Wie kommt Bob Dylan zu akademischen Ehren? Sie halten dazu auch in Israel Seminare und haben im Mai 2011 in Wien eine dreitägige wissenschaftliche Dylan-Konferenz - "Refractions of Bob Dylan - Cultural Appropriations of an American Icon" (www. dylanvienna.at) - organisiert.

Banauch: Mir ist wichtig zu zeigen, dass Phänomene der Alltagskultur im Zentrum der wissenschaftlichen Beschäftigung stehen können und sollen. Außerdem funktioniert Wissenschaft dann besonders gut, wenn sie auch lustbetont sein darf. Das ist mit der Konferenz sehr gut gelungen. In den Kursen an der Hebrew University war die Dylan-Rezeption in Europa und Israel Ausgangspunkt, um kulturelle Aneignungsprozesse zu untersuchen. Es hat auch geholfen, in die Amerikanisierungsdebatte nicht einseitig-negativ einzusteigen. Für mich war es extrem spannend, das mit einer israelischen Hörerschaft zu tun.

STANDARD: In Sommer 2011 gab es in einigen Ländern Proteste. Auch in Israel demonstrierten viele. Wie interpretieren Sie als Kulturwissenschafter den "Israelischen Sommer", der tausende junge Menschen auf die Straße getrieben hat?

Banauch: Zu Beginn meines Aufenthalts hatte ich den Eindruck, dass die Studierenden hier wenig über das pragmatische Ziel des schnellen Studienabschlusses hinaus aktiv sind. Das hat sich nun binnen weniger Wochen schlagartig geändert. Die Proteste sind in Israel klar von den Studierenden ausgegangen. Viele müssen etwa Vollzeit arbeiten, um sich das Studium zu finanzieren. Meine Studierenden sprechen nun vom Gefühl des Aufbruchs, und dass eine echte kulturelle Revolution möglich scheint. Ebenso stark ist allerdings auch das Gefühl, dass echte politische Alternativen fehlen. (Lisa Nimmervoll, STANDARD-Printausgabe, 20.9.2011)