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Selbstüberschätzung scheint ebenso menschlich wie berechenbar zu sein. Wird sie belohnt, kann sie nur schlimmer werden, meinen Wissenschafter und verweisen auf Finanz- und andere Krisen.

Foto: AP/Michael Probst

London - Banker, Börsenprofis und Politiker scheinen die Hybris im Blut zu haben. Denn sie neigen dazu, ihre eigenen Fähigkeiten zu überschätzen. Das kann gravierende Folgen haben - siehe Finanzkrise. Doch das Problem tritt nicht nur in Führungsetagen auf. Eine ältere US-Studie zeigte, dass 94 Prozent der College-Professoren sich selbst für überdurchschnittlich gute Dozenten hielten. Zahlreiche Verkehrsunfälle werden durch Überheblichkeit am Steuer verursacht.

Wenn aber die falsche Beurteilung des eigenen Könnens große Risiken birgt und mitunter tödliche Folgen hat, warum ist sie dann im Lauf der Evolution nicht verschwunden, sondern noch immer weit verbreitet? Auf diese Frage scheinen nun zwei Wissenschafter eine Antwort gefunden zu haben. Der Evolutionspsychologe Dominic Johnson (University of Edinburgh) und der Politologe James Fowler (University of California in San Diego) entwickelten ein mathematisches Modell zur Berechnung möglicher Vorteile von Selbstüberschätzung.

In ihren Formeln ließen die beiden Forscher mögliche Gewinne, die Kosten von einem Konflikt zwischen zwei Rivalen, die darum konkurrieren, einen Maßstab für Selbstbeurteilung und einen Unsicherheitsfaktor v mit einfließen. Letzterer steht für die Schwierigkeit, die Stärke eines Gegners zuverlässig einzuschätzen. Die Kalkulationen zeigen einen Trend: Je größer der Gewinn im Verhältnis zu den möglichen Kosten, desto eher zahlt sich Selbstüberschätzung aus. Dasselbe gilt für Ausgangssituationen mit hohen v-Werten.

Übermäßig selbstbewusste Individuen haben dann langfristig den größten Erfolg und setzen sich auch evolutionstechnisch durch. Im Extremfall würden sogar die Bescheidenen aussterben. In moderateren Szenarien entstehen immerhin Mischpopulationen aus Draufgängern und Zurückhaltenden. So wie in der Realität. Die detaillierten Studienergebnisse wurden heuer im Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlicht (Bd. 477, S. 317). Der beobachtete Effekt basiert hauptsächlich auf zwei Mechanismen, erklärt Dominic Johnson. Einerseits kann Selbstüberschätzung dazu führen, angesichts eines tatsächlich stärkeren Gegners trotzdem die Beute einzustreichen, wenn der Rivale es nicht auf einen Kampf ankommen lassen will. Gleichzeitig laufen die Überheblichen nicht Gefahr, gegenüber einem schwächeren Konkurrenten den Kopf einzuziehen und sich so einen sicheren Gewinn entgehen zu lassen. Etwaige Kosten der Strategie werden durch hohe Gewinne wettgemacht. Zudem könnte die Überbewertung der eigenen Fähigkeiten auch Kampfmoral und Entschlossenheit stärken.

Auch wenn überbordendes Selbstbewusstsein in der Entwicklung des Menschen ein Erfolgsrezept gewesen sein mag: in der heutigen Zeit ist das fragwürdig. Die Fehler der Führungskräfte haben mitunter negative Folgen für die Allgemeinheit. Denn das Risiko steigt offenbar, je größer die Unwägbarkeiten und die möglichen Gewinne sind. So setzen Boni für Banker unter Umständen einen Teufelskreis in Gang. "Wenn Selbstüberschätzung belohnt wird, kann sie nur noch schlimmer werden", betont Dominic Johnson. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. September 2011)