Nahezu alle Radhersteller setzen auch auf E-Bikes. Europaweit wird die Hälfte der E-Bikes in Deutschland und den Niederlanden verkauft.

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Wenn Julian Osswald demnächst zu Terminen unterwegs ist, wird ihm ein frischer Wind um die Nase wehen. Der Oberbürgermeister von Freudenstadt im Schwarzwald hat nun ein E-Bike als Dienstfahrzeug. Auch Beamte in Aachen können nun auf den Elektrodrahtesel umsteigen. Für die Verwaltung der Kaiserstadt wurden sechs E-Bikes angeschafft.

Die beiden Kommunen liegen damit absolut im Trend. Denn der Run auf E-Bikes in Deutschland ist groß, das Interesse wird immer stärker. 2007 wurden in der Bundesrepublik noch 70.000 Stück verkauft, 2009 waren es bereits 150.000, im Vorjahr 200.000 Stück. Dieses Jahr erwarten Branchenkenner einen Absatz von 300.000 Stück, damit wären fünf Prozent aller in Deutschland verkauften Räder E-Bikes.

Der Plafond ist damit noch nicht erreicht, ist Siegfried Neuberger, Geschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verbands, überzeugt: "Mittelfristig kann der Anteil der E-Bikes am Gesamtfahrradmarkt in Deutschland zwischen zehn und 15 Prozent liegen, dies entspricht einer Stückzahl von 400.000 bis 600.000 Fahrzeugen." 80 Prozent der Fahrräder, schätzt der Verband, werden auch in Deutschland produziert.

Die Deutschen sind übrigens nicht die einzigen E-Bike-Fans in Europa. Vor allem in den Niederlanden setzt sich der neue Fahrradtyp immer stärker durch. Europaweit werden die Hälfte aller E-Bikes in Deutschland und den Niederlanden verkauft.

Längst ist das E-Bike nicht mehr auf die Seniorennische beschränkt. Immer mehr Jüngere kommen auf den Geschmack, finden es äußerst praktisch, dass sie ihr Fahrrad zwar weiter mit Muskelkraft antreiben, jedoch bei Bedarf beim Bergauffahren oder bei Gegenwind elektrisch unterstützt werden. Die Vorteile liegen im Alltag vor allem in Städten auf der Hand: Vielerorts herrscht Parkplatznot, Benzin ist teuer und auf Kurzstrecken ist man ohnehin mit dem Fahrrad schneller als mit dem Auto, das oft auch noch im Stau steckt.

Dank des Elektromotors fällt noch ein weiteres Argument weg, doch lieber im Berufsalltag auf den Drahtesel zu verzichten: Man kommt nicht völlig verschwitzt im Büro an, das Treten ist ja viel einfacher. Viele Deutsche sehen das E-Bike auch als Beitrag zum Umweltschutz. Für 95 Prozent aller E-Bikes, die sogenannten Pedelecs, die nicht schneller als 25 Kilometer in der Stunde fahren, beseht auch keine Führerschein- und keine Helmpflicht, da diese Zweiräder rechtlich als Fahrrad gelten.

Verkaufsfördernd ist auch die technische Weiterentwicklung. Die Motoren und Akkus werden immer kleiner, mittlerweile gibt es Radmodelle, die den Fahrer mit elektrischer Unterstützung bereits 140 Kilometer weit bringen. Ist dann keine Steckdose parat, kann man natürlich normal weitertreten - allerdings unter erschwerten Bedingungen, denn das E-Bike ist schwerer als ein normales Fahrrad.
Smart steigt ein

In Deutschland hat die Stiftung Warentest einige Modelle getestet, preislich lagen sie zwischen 900 und 2700 Euro. Dabei zeigte sich, dass einige bei Rahmen und Bremsen noch Schwächen aufweisen. Diese waren zum Teil für die Elektromotoren nicht stark genug.

Der wachsende Markt für E-Bikes wird nun auch für die "Konkurrenz" interessant. So wird die Mercedes-Schwester Smart 2012 ein Elektrofahrrad namens ebike auf den Markt bringen. Entwickelt und gebaut wird es von der Berliner Firma Grace. Das Rad bekommt einen 250 Watt starken Elektromotor, der den Fahrer bei Geschwindigkeiten bis 25 km/h unterstützt und startet, sobald man in die Pedale tritt. Der Motor soll eine Reichweite von bis zu 100 Kilometern schaffen, das Rad soll rund 2900 Euro kosten.

Zum Vergleich: Ein günstiger Smart ist für 10.000 Euro zu haben. Übrigens: Trotz des Runs auf E-Bikes gibt es in Deutschland noch 69 Millionen "normale" Fahrräder. (Birgit Baumann aus Berlin/DER STANDARD/Ökostandard/September 2011)