Beim diesjährigen Wiener Forschungsfest wurden die Besucher mit dem kleinen Einmaleins der Hochenergiephysik vertraut gemacht. Im Bild: eine Anordnung zum Erzeugen von Influenzladungen.

Foto: STANDARD/Corn

Wie sucht man die kleinsten Teilchen des Universums mit der größten Maschine der Welt? Das heurige Wiener Forschungsfest stand vor allem im Zeichen dieser Frage. Letzten Samstag erreichte es die letzte Station seiner Tour im Einkaufszentrum Columbus Center in Favoriten. Doch bevor die vorwiegend jungen Besucher mehr über den Large Hadron Collider (LHC) am Europäischen Kernforschungsinstitut Cern erfahren konnten, war zuallererst ein kleines Einmaleins der Hochenergiephysik notwendig, das den Besuchern von Mitarbeitern des Wiener Instituts für Hochenergiephysik (Hephy) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften vermittelt wurde.

Die erste Lektion: Die magnetische Kraft kann dazu eingesetzt werden, Teilchen zu beschleunigen. Beim Forschungsfest wurde das mit einer Anordnung magnetisierter und neutraler Metallkugeln nachgestellt. Die Besucher konnten die Kugel eine Schiene entlang - quasi wie am Cern - beschleunigen.

Ein Loch im Papier 

Die zweite Lektion: Elektrische Ladungen können sichtbar gemacht werden. Die komplexe Detektortechnologie, für die das Hephy bekannt ist, wurde am Forschungsfest freilich nicht erprobt. Man konnte stattdessen durch Drehen einer Kurbel Metallplatten so gegeneinander verschieben, dass dadurch sogenannte Influenzladungen erzeugt wurden. Sie wurden in einem Funkenüberschlag zwischen den Elektroden für das freie Auge sichtbar. Außerdem versuchten einige Teilnehmer ein Stück Papier zwischen Kathode und Anode zu halten. Wenn der überschlagende Funke ein Loch hineinbrannte, wurden die elektrischen Ladungen visualisiert.

Die dritte Lektion: Kosmische Teilchen gibt es überall. Aufbauend auf dem in Lektion Nummer zwei erworbene Verständnis über elektrische Ladungen, wurden die Besucher mit einer sogenannten Funkenkammer vertraut gemacht. Nicht durch Influenzladungen werden darin Funkenschläge produziert, sondern durch die ständig einfallenden kosmischen Teilchen. Diese kosmische Strahlung ist für den Menschen ungefährlich und kommt überall auf der Welt vor. Durchschnittlich einmal pro Sekunde sausen kosmische Teilchen sternschnuppenartig durch die Funkenkammer.

Per Knopfdruck durchs Cern

Mit diesen drei Lektionen war man also bereit für das Kernforschungszentrum Cern. Per Knopfdruck konnten die Besucher eine Simulation des Beschleunigerkomplexes starten und dabei den Teilchenstrahl von der Quelle auf seinem Weg durch die Vorbeschleunigung im Linearbeschleuniger verfolgen. Von dort ging es in den ersten und in den zweiten Ringbeschleuniger, bis der Strahl schließlich in den LHC geführt wird, wo er an vier Punkten gezielt zur Kollision gebracht wird - mit beinahe Lichtgeschwindigkeit, also rund einer Milliarde Kilometern in der Stunde. Und das auf einem Platz, wo von Wissenschaft und Forschung normalerweise nicht die Rede ist.

Das Forschungsfest war heuer kleiner als im Vorjahr, als die Besucher in ein großes Forschungsfestzelt und zu Vorlesungen ins Riesenrad gelockt wurden. Das Forschungsfest "auf Tour" soll vor allem ein Publikum ansprechen, das sonst wenig Berührungspunkte mit Wissenschaft hat. An den vergangenen drei Samstagen war man daher konsequenterweise in den Shoppingzentren Millennium City, Lugner City und Columbus Center. Auch Serbisch- und Türkischdolmetscher kamen zum Einsatz.

Gerade in Österreich gibt es für Wissenschaftskommunikation offenbar dringenden Bedarf: Nur 21 Prozent sind laut der Eurobarometer-Umfrage 2010 an neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen "sehr interessiert" - und damit eklatant weniger als im EU-Schnitt von 30 Prozent. Außerdem erachten nur 48 Prozent der Österreicher Grundlagenforschung als notwendig und von der Regierung unterstützenswert, gegenüber immerhin 72 Prozent, die EU-weit diese Meinung vertreten.

Events als einziger Weg

Der "einzige Weg", hier Abhilfe zu schaffen, sei Wissenschaftskommunikation durch ebensolche Events, sagt Ludovit Garzik, Generalsekretär des Rates für Forschung und Technologieentwicklung. Der Rat veranstaltet im April 2012 die "Lange Nacht der Forschung", die im vergangenen Jahr in Kärnten, in Ober- und Niederösterreich, im Burgenland und in Vorarlberg stattfand. In Wien war Pause, weil es das Forschungsfest gab und man das Konzept überarbeiten wollte.

Garzik sieht eine Holschuld bei der Bevölkerung, sich über Forschung zu informieren, und eine Bringschuld der Wissenschafter, ihre Arbeit allgemeinverständlich dazustellen. Der gewünschte Langzeiteffekt wäre, dass sich junge Menschen generell mehr für Wissenschaften interessieren. Zwar müssten nicht alle jungen Besucher später einmal selbst Wissenschafter werden, meint Garzik, "aber sie sollen die Bildungsebenen möglichst hoch hinaufklettern". (DER STANDARD, Printausgabe, 21.09.2011)

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Wissen: Forschungsevents

Die ersten drei Samstage im September ging das heurige Wiener Forschungsfest über die Bühne. Die Initiative von Vizebürgermeisterin Renate Brauner wird von der Wiener Technologieagentur ZIT organisiert und ist ein Fixpunkt in der wissenschaftlichen Wissensvermittlung durch Events.

Ein weiteres Highlight der Forschungsevents wird im April 2012 stattfinden: Die Lange Nacht der Forschung. Das vom Rat für Forschung und Technologieentwicklung organisierte Format wird diesmal voraussichtlich zum ersten Mal in allen neun Bundesländern stattfinden. Denn mit einer "kritischen Masse" an Veranstaltungen und beteiligten Bundesländern und Institutionen will man möglichst viele Menschen auch abseits des ohnehin wissenschaftsinteressierten Publikums anlocken. Das genaue Programm wird im Herbst veröffentlicht. (trat)