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IWF-Chefin Christine Lagarde und ihre Truppe schenken den Europäern bei der Jahrestagung des Währungsfonds kräftig ein. Die Krise hat laut IWF eine neue Phase erreicht: Die fehlende politische Einigkeit in Europa sei derzeit eines der größten Probleme der Weltwirtschaft.

Foto: Reuters/Facundo Arrizabalaga

Trotz heftiger EU-Proteste bleibt der Internationale Währungsfonds bei seiner Risikoeinschätzung: Europas Banken drohen durch die Schuldenkrise gigantische Verluste. Auch Versicherer sind zunehmend gefährdet.

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Washington - Zum ersten Mal seit dem Frühjahr 2009 sieht der Internationale Währungsfonds (IWF), dass die Risiken für den Finanzsektor wieder dramatische Ausmaße annehmen könnten. Die Euro-Schuldenkrise, das zunehmende gegenseitige Misstrauen der Banken und die miserablen Wachstumsaussichten für die Weltwirtschaft haben sich zu einem gefährlichen Mix zusammengebraut.

Vor allem fürEuropa hatte der Fonds bei der Vorstellung seines "Global Financial Stability Report" am Mittwoch in Washington nur schlechte Nachrichten parat: Die Schuldenkrise könnte den Banken in der EU bis zu 300 Milliarden Euro kosten. Allein durch Staatsanleihen, die Banken von Ländern wie Griechenland, Spanien und Italien gekauft haben, ist das Risiko in den Bilanzen der Kreditinstitute seit 2010 um 200 Milliarden Euro gestiegen. Weitere 100 Milliarden kommen hinzu, wenn man Risikopositionen hinzurechnet, die Banken untereinander halten.

"Das Problem ist die mangelnde Transparenz: Niemand weiß, wie viele von diesen Risiken in den Bilanzen schon berücksichtigt wurden und wie viele noch unberücksichtigt in den Büchern schlummern" , sagte José Vinals, oberster Finanzexperte des Währungsfonds. Sollte der IWF mit seiner Schätzung richtig liegen, würde das einen dramatischen zusätzlichen Kapitalbedarf für die europäischen Banken ergeben. Betroffen wären vor allem Institute in Griechenland, Zypern, Italien, Portugal und Spanien. Für Österreichs Banken ergeben sich in diesem Szenario nur niedrige Kosten.

Doch auch die europäischen Versicherer stehen wegen ihremEngagement in derEuro-Peripherie vor Problemen. Bei mehreren Versicherungen sieht der IWF die gesamte Kapitalbasis bedroht, sollten sich hohe Verluste aus dem Geschäft mit den Schuldnerländern realisieren. Allein in Frankreich und Italien drohen je zwei Instituten Verluste in Höhe von fast 100 Prozent ihres Eigenkapitals - Namen nennt der Fonds zu den Zahlen nicht.

Die in Washington vorgelegten Zahlen werden die Spannungen zwischen Europa und dem IWF weiter verschärfen. Bereits Anfang September wurde bekannt, dass der Fonds in internen Berichten davon ausgeht, dass die europäischen Banken einen Kapitalbedarf von mehr als 200 Milliarden Euro haben könnten. In Europa wurde diese Zahl heftig zurückgewiesen.

Der IWF deutete in seinem Bericht an, dass die Größe des Euro-Rettungsschirmes EFSF, dem derzeit 440 Milliarden Euro zur Verfügung stehen, nicht ausreichen könnte. Zuvor hatte US-Finanzminister Timothy Geithner die Aufstockung des EFSFgefordert. Die Experten inWashington riefen Europa erneut auf, die Kapitalbasis der Banken endlich zu stärken.

Deutlich wurde in Washington auch, wie sehr US-Investoren dazu beigetragen haben, dass die Krise in Europa weiter eskaliert ist. In den vergangenen Monaten haben US-Geldmarktfonds ihr Exposure gegenüber europäischen Banken deutlich reduziert. Davon betroffen war keineswegs nur Griechenland, sondern auch Frankreich und andere Staaten.

Die Ratingagentur Standard & Poor's stufe am Mittwochabend die Bonität von sieben italienischen Banken herunter, wegen hoher Geschäftsrisiken wegen der Schuldenkrise. Der Ausblick für die Mailänder Bank Austria-Mutter UniCredit wurde von "stabil" auf "negativ" gesenkt. Am Dienstag hatte die Agentur die Kreditwürdigkeit Italiens gesenkt. (András Szigetvari aus Washington, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.9.2011)