"Attack the Block"

Foto: Slash-Filmfestival

"Red State"

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Ein Monster mit den Resten seiner Feinde: Denden in "Cold Fish"

Foto: Slash-Filmfestival

Wien - Es gab Zeiten, da verhandelte das fantastische Kino die Verwerfungen der Gegenwart plastischer und oft auch kritischer als so mancher seriöse Film. Robin Wood, der 2009 verstorbene kanadische Filmkritiker und -historiker, war ein enthusiastischer Verfechter dieser Idee. Im Horrorfilm der 1970er-Jahre eines George A. Romero oder Larry Cohen fand er ein fortschrittliches Genre, das die Defizite einer repressiven Gesellschaft ins Bild rückte. Hier waren Filme, die das Regelwerk des Schreckens für ungewohnte Freiheiten nutzten.

Mehr als dreißig Jahre später haben Filmemacher mit ähnlicher Tendenz schon aufgrund eines äußerst diversifizierten Marktes weitaus schwierigere Ausgangsbedingungen. Joe Cornishs Attack the Block, der Donnerstagabend das Slash-Filmfestival in Wien eröffnen wird und ab Freitag auch regulär im Kino läuft, beweist jedoch, dass es immer noch möglich ist, abgetretenen kommerziellen Pfaden mit originellen Aktualisierungen zu begegnen, die sogar den Nerv der Zeit treffen.

Angst im Plattenbau

Wenn in dem räudig-charmanten Sci-Fi-Drama Teenager mit Hoodies durch die Londoner Vorstadt ziehen und Passanten schikanieren, ist der Gedanke an die Unruhen des Sommers nicht verkehrt. Allerdings läuft Attack the Block in bester B-Movie-Manier auf eine Umdeutung seiner Helden hinaus. Eine Alien-Invasion - pechschwarze pelzige Dinger mit böse scharfen Zähnen - verbreitet Angst und Schrecken im Plattenbau: Da erweisen sich die im urbanen Alltag erworbenen Fertigkeiten der gemischtethnischen Jugendlichen mit einem Mal als gerade recht für Gegenmaßnahmen.

Der von Edgar Wright (Shaun of the Dead) produzierte Film ist "streetwise", clever und milieugenau, ohne populistisch zu sein. Äußerst selbstsicher verfährt Cornish mit der komischen Typologie und dem beträchtlichen Dialogwitz der Underdogs, die in dynamisch inszenierten Abfolgen ihr Terrain Stockwerk für Stockwerk gegen die Eindringlinge von Outer Space verteidigen, während die Polizei die Lage selbstredend vollkommen verkennt.

Im Programm des zum zweiten Mal veranstalteten Slash-Festivals finden sich noch weitere Beispiele politisch gestimmter Genrefilme. Der US-Regisseur Kevin Smith, eher für Komödien bekannt, hat mit Red State einen Horrorfilm gedreht, der sich dem nicht erst seit Sarah Palin wiedererstarkten christlichen Fundamentalismus seiner Heimat aus einer Perspektive annimmt, die keiner Seite viel Gutes abgewinnen kann. Drei junge Männer, die endlich Sex haben wollen, geraten in die Fänge einer Sekte, deren Anführer (gespielt vom Tarantino-affinen Michael Parks) das Übel der Welt in sexueller Freizügigkeit ausgemacht hat.

Die wehrhaften Christen trifft bei Smith jedoch bald eine ähnlich exzessive staatliche Reaktion. John Goodman verkörpert den bärbeißigen Polizeichef, der den Befehl erhält, die Störenfriede so unbarmherzig wie Terroristen zu behandeln. Das sichert Red State eine für derartige Genrefilme unübliche moralische Ambivalenz - "Glauben Sie, wir haben den 10. September 2001?"

Neben liebevoll programmierten Würdigungen von Horror-Pionieren wie Herschell Gordon Lewis, dem gleich eine ganze Nacht gewidmet ist, findet sich mit Sion Sonos Cold Fish auch ein großartiger Autorenfilm bei Slash. Sono, ein Grenzgänger des japanischen Kinos (Love Exposure), erzählt von einer kleinbürgerlichen Familie, die auf einen Unternehmer trifft, der sich als eine so monströse Figur entpuppt, dass selbst Mafiosi neben ihm noch milde wirken.

Schritt für Schritt zwingt Murata (Denden) jedes Familienmitglied unter seine Gewalt, vor allem auf den höflich-servilen Vater (Mitsuru Kukikoshi), einen Zierfischverkäufer, hat er es abgesehen. Cold Fish ist nichts für schwache Nerven, obwohl er seine verstörende Wirkung weniger mittels Suspense als durch sein völlig amoralisches Menschenbild erzielt - wie heißt es am Ende so treffend: "Life is pain." (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Printausgabe, 22.9.2011)