Wer Ärzte oder Mitarbeiter einer urologischen oder gynäkologischen Ambulanz zu seinem Bekanntenkreis zählt, kennt die einschlägigen Erfahrungsberichte, die diese oft zu fortgeschrittener Stunde zwecks Erheiterung geselliger Runden zum Besten geben. Sie handeln von meist spätnachts in die Notaufnahme eingelieferten Patienten, in deren Körperöffnungen sich ungewöhnliche Dinge wie Flaschen, Glühbirnen, Südfrüchte oder heimisches Gemüse befinden, zu deren eigenhändiger Entfernung die Betroffenen nicht mehr in der Lage sind. Auf die für die Anamnese unverzichtbare Frage, wie es denn zu dieser nicht alltäglichen Applikation gekommen sein mag, gibt es stets die gleichen Antworten: Man sei aus der Dusche kommend gestolpert und auf eine im Badezimmer stehende Champagnerflasche gefallen oder hätte sich versehentlich auf eine tückisch aus einem Polstermöbel hervorragende Karotte gesetzt.

Als verantwortungsbewusster Mediziner darf man nun diese Erklärungen keinesfalls mit höhnischem Gelächter oder investigativem Nachfragen quittieren. Die Tatsache, dass kein vernunftbegabtes Wesen existiert, das eine solche Vorgeschichte ernsthaft glauben würde, muss den Patienten nicht auch noch grob vor Augen geführt werden, lässt doch die Art ihrer Beschwerden darauf schließen, dass sie sich in einer psychisch labilen Situation befinden, die möglicherweise durch Einsamkeit und fehlende körperliche Nähe ausgelöst wurde und daher auch als verzweifelter Schrei nach Liebe gedeutet werden kann. - Eine ganz ähnliche Situation erleben wir derzeit rund um den ÖBB-Inseratenskandal. Die bisherigen Erklärungen der Patienten Faymann und Ostermayer haben den gleichen Wahrheitsgehalt wie jene der eingangs beschriebenen Notaufnahmefälle. Und auch hier sollte man Rücksicht auf die emotionale Befindlichkeit der bei einer hochnotpeinlichen Ferkelei Ertappten nehmen, denn die Vermutung liegt nahe, dass ebenfalls ein unerfüllter Wunsch nach Zuneigung die Wurzel der Affäre ist.

Diese Erkenntnis verdanken wir Doris Bures, die in einem Interview mit dem Standard meinte: "Wenn es wahr wäre, dass ich mir mit Inseraten mediales Wohlwollen erkaufe, dann müsste ich in den Politiker-Rankings ganz oben stehen und nicht bloß im Mittelfeld." Ein Bekenntnis, das nicht nur von entschlossener Realitätsverweigerung zeugt - im aktuellen Beliebtheitsranking von Österreich liegt Bures an vor-vorletzter Stelle - sondern auch eine menschlich erschütternde Fehleinschätzung an den Tag bringt. Politiker wie unsere Infrastrukturministerin denken offensichtlich, dass man durch Subventionierung des Boulevards bei der Bevölkerung beliebt wird. Glaubt Werner Faymann also wirklich, dass irgendjemand seine erkauften ÖBB-Interviews gelesen und ihn darauf hin für einen sympathischen Kerl gehalten hat?

Doch die teuer bezahlte Zuneigung von Zeitungsmachern, die bereit sind, beim Inserate-Keilen die eigene Blattlinie zur Disposition zu stellen, ist von flüchtiger Natur und ein trauriges Surrogat für echte Anerkennung.

Das Bedürfnis nach käuflicher Liebe wird es natürlich immer geben. Es sollte nur nicht auf Kosten der Steuerzahler ausgelebt werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.9.2011)