"Bitte eigenes Geschirr mitbringen!", lautet ein Hinweis an der Tür zum Speisesaal im VinziRast-CortiHaus, wo Obdachlose Essen bekommen. Wer lange arbeitslos ist, soll auch gratis arbeiten müssen, sagt BZÖ-Chef Josef Bucher zur Projektleiterin Cecily Corti.

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"Mein Name ist Bucher und nicht Strache. Ich stehe für Menschlichkeit."

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"Ich habe gerade bei Ämtern allzu oft eine unglaubliche Gleichgültigkeit erlebt."

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STANDARD: Ihr BZÖ-Generalsekretär hat sich gerade zurückgezogen, der Abgeordnete Robert Lugar ist gegangen. Seit 2009 sind drei Ihrer Mandatare zum Kärntner FPÖ-Bruder FPK gewechselt. Jetzt wird gegen Herbert Scheibner ermittelt. Sie werben mit Bibelzitaten in Ihrer Herbstkampagne. Wäre da nicht "Wehe dem, der allein ist; wenn er fällt, so ist kein anderer da, der ihm aufhelfe" der passende Bibelspruch für Sie?

Bucher: Ich fühle mich aber nicht alleine. Ich habe überhaupt keine Veranlassung, an unserem Weg zu zweifeln. Dass unter den Mandataren, die sich verabschiedet haben, Uwe Scheuch dabei war, ist ein Glücksfall für das BZÖ. Und Lugar wollte gegen meinen Willen Generalsekretär werden, und ich lasse mich nicht erpressen.

Corti: Aber ich kann mich erinnern, dass Sie die Scheuch-Brüder doch dringend behalten wollten.

Bucher: Nein, die beiden hätte ich sofort hochkant rausgeschmissen. Ich wollte damals nur nicht, dass die Kärntner Partei insgesamt verlorengeht.

STANDARD: Frau Corti, mit welchen Überzeugungen verbinden Sie das BZÖ und Parteichef Bucher?

Corti: Ich weiß, dass das die Partei von Jörg Haider ist und dass diese Herren einmal in der Regierung saßen. Aber ich sehe wenig Unterschiede zwischen BZÖ und FPÖ.

Bucher: Mein Name ist Bucher und nicht Strache. Ich stehe für Menschlichkeit - aber auch für unsere Volkswirtschaft. Das BZÖ ist gegen einen Ausländerzuzug, der alle Grenze sprengt. Wir fordern klare Spielregeln.

Corti: Gerade die Asylpolitik wird immer nur noch rigoroser und unmenschlicher.

Bucher: Wenn die Republik Österreich so weitermacht, werden wir bald kein Asylthema mehr haben, weil das Land so arm sein wird, dass die Menschen einen großen Bogen um Österreich machen werden.

Corti: Da machen Sie den Menschen schon wieder Angst, statt Möglichkeiten aufzuzeigen, wie schwierige Situationen zu meistern sind. Das fördert Kreativität und Mut und Vertrauen. Bei uns heißt es hingegen immer nur: "Grenzen zu!"

Bucher: Nur so viel: In meinem Hotel ist der Küchenchef ein Deutscher, die Chefrezeptionistin eine Ungarin und die Chefin im Service eine Rumänin. Das BZÖ steht für Zuwanderung in den Leistungs- und nicht in den Sozialstaat.

STANDARD: Kennen Sie die Arbeit, die in der VinziRast geleistet wird?

Bucher: Ich habe mich über dieses Projekt im Vorfeld natürlich schlau gemacht. Ich bin auch ein zutiefst sozialer Mensch und auch seit 20 Jahren in einer Hilfsorganisation - dem Lions Club - engagiert.

STANDARD: In Ihrem Parteiprogramm ist ständig von Leistung die Rede. Ist dem alles unterzuordnen?

Bucher: Leistung darf nicht bestraft, sie muss belohnt werden. Ansonsten gibt es keine Weiterentwicklung - und Österreich kann als Wirtschaftsstandort im Wettbewerb nicht mehr bestehen.

STANDARD: Die Menschen, die in der VinziRast betreut werden, fallen ja nicht unbedingt unter das Schlagwort "Leistungsträger".

Corti: Weil in Österreich Leistung nur über Reichtum und Prestige definiert wird. Die Menschen, mit denen wir hier täglich konfrontiert sind, erbringen zum Teil bewundernswerte Leistungen, indem sie unter Umständen, die für uns schwer vorstellbar sind, ihr Leben meistern.

STANDARD: Herr Bucher, Sie nennen die Mindestsicherung eine "Sicherung der Faulen". Bei Frau Corti kriegen Menschen ein warmes Bett, die keinen Job, kein Geld, keine Wohnung haben. Sind Frau Cortis Gäste auch "faul"?

Bucher: Das habe ich nicht gesagt. Wer arbeitslos wird, kann schnell in eine Notstandssituation kommen. Da muss der Staat aushelfen. Aber die Mindestsicherung ist ein falsches Signal. Ich halte wenig von einer öffentliche Garantie, dass einem auf Mundhöhe gebratene Tauben entgegenfliegen. Langzeitarbeitslose, die sich weigern, eine Stelle anzunehmen, habe ich als Unternehmer dutzende Male erlebt, das passiert tagtäglich, fast minütlich hierzulande.

Corti: Bei uns suchen die Leute händeringend eine Arbeit, werden allerdings oft zu absurden Stellen geschickt. Wir hatten einen schwer alkoholkranken Mann, der hat vom AMS ein Jobangebot in Wiener Neustadt bekommen, Grundvoraussetzung: eigener Pkw! Dabei haben die genau gewusst, er ist obdachlos, hat keinen Cent geschweige denn ein Auto und ist Alkoholiker! Dieser Mensch will arbeiten, aber er will auch ernst genommen werden. Wir bemühen uns, Menschen zu Eigenverantwortung zu führen.

Bucher: Genau! Das ist der Punkt. Ich will keine Strache-Wähler heranzüchten, die jedes Mal nach den Staat rufen und sagen: Sorgt's euch um mich, ich bin selbst dazu nicht in der Lage. Es muss doch möglich sein, dass Arbeitslose Leistungen erbringen, ohne Geld dafür zu bekommen. Ein Buchhalter, der über längere Zeit arbeitslos ist, muss bereit sein, zum Beispiel in einer Organisation wie der von der Frau Corti die Buchhaltung freiwillig zu machen. Der Bürgermeister soll ehrenamtliche Tätigkeiten auf jene verteilen, die Arbeitslosengeld beziehen. Das ist ja nichts Schlechtes.

Corti: Vielen Menschen, die Arbeit suchen, fehlt die persönliche Unterstützung. Ich habe gerade bei Ämtern allzu oft eine unglaubliche Gleichgültigkeit erlebt. Einmal habe ich einen unserer Gäste begleitet, weil ich sehen wollte, ob das dort wirklich so schlimm abläuft, wie sie immer erzählen. Die Dame am Schalter hat uns anfangs nicht einmal angeschaut

Bucher: Ich bin für privatwirtschaftlich organisierte Arbeitsvermittlungsfirmen. Samt Prämie, wenn dieses Unternehmen einen Arbeitslosen aktiv weitervermittelt hat. Ich bin mir sicher, dass so die Arbeitslosenzahlen mit Nachdruck abgebaut würden.

STANDARD: Herr Bucher, Sie fordern also eine Art "Kopfgeld" für Arbeitslose?

Bucher: Nein, einen Leistungsanreiz. So funktioniert die Wirtschaft eben.

Corti: Dieses ständige Miteinander-Wetteifern! Jeder sucht nur den eigenen Vorteil in unserer Leistungsgesellschaft. Da fehlen Alternativen. Und da fehlt der Politik jeder Mut.

STANDARD: Wie verhält es sich mit jenen Menschen, die den Leistungsgedanken mittragen können oder wollen?

Bucher: Die müssen sich mit dem begnügen, was ihrer Leistung entspricht. Bei uns wird schon keiner untergehen, aber es muss verdammt noch einmal gewährleistet sein, dass jene, die mehr leisten, auch mehr haben.

Corti: Aber uns geht es doch mehrheitlich immer noch sehr gut.

Bucher: Frau Corti! Bitte! Ich habe mich mit den Zahlen beschäftigt. Wenn Sie diese trügerische Ansicht vertreten, dann bitte ich Sie zu bedenken, wie es den nächsten Generationen ergehen wird. Wir kommen in eine Situation, wo wir in den nächsten Jahren schon 40 Prozent unseres gesamten Budgets nur noch für Pensionen und Zinsen aufbringen müssen. Für Sozialmaßnahmen, für Projekte wie Ihres, wird immer weniger Geld zur Verfügung stehen.

Corti: Wir finanzieren uns ausschließlich aus Privatspenden. Im Übrigen meine ich, dass der Staat mit Einsparen beginnen muss. Wie lange wird schon von der Verwaltungsreform gesprochen! Nichts geschieht.

Bucher: Weil wir einen Beamtenstaat haben, weil die Beamten die Gesetze machen, nicht die Volksvertreter. Die Beamtenschaft richtet sich, so wie sie es braucht, in diesem Staat. Auch wenn ich mir den Zorn der Beamtenschaft zuziehe: Das geht so nicht!

STANDARD: Das BZÖ ist gegen eine Vermögenssteuer. Sollen Reiche mehr beitragen?

Corti: Natürlich finde ich, dass Reiche einen Beitrag leisten sollen. Vor allem aber sollte der Staat bei sich selbst anfangen. Da gibt es viele Bereiche mit Einsparpotenzial.

Bucher: Wenn, kann ich doch nur von einem Zuwachs eine Besteuerung vornehmen und nicht von einem Vermögensstand. Stellen Sie sich vor, die SPÖ sagt, dass alle, die eine Million Euro Vermögen haben, besteuert werden sollen. Da steige ich sofort aus der Politik aus und werde Gutachter. Einen größeren Unsinn gibt es gar nicht.

Corti: Ich merke, dass es immer nur ums Geld geht. Natürlich ist Geld wichtig. Wir in der VinziRast bemühen uns ums Menschsein.

Bucher: Deswegen will das BZÖ am System sparen und nicht an den Menschen. (Peter Mayr, DER STANDARD, Printausgabe, 22.9.2011)