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Migranten auf Lampedusa fliehen vor der Polizei vom Balkon eines Hauses. Die Beamten gingen mit Schlagstöcken gegen Tunesier vor, die aus dem Auffanglager entkommen waren

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Rom - Am Mittwoch blieb Bernadino di Rubeis nur mehr die Flucht. Der Bürgermeister von Lampedusa musste sich mit Polizeischutz in seinem Büro verschanzen. Er habe in seiner Schreibtischschublade einen Baseballschläger und sei jederzeit bereit, ihn auch zu benutzen, ließ er ausrichten. "Das hier ist Krieg" , sagte Rubeis zu Journalisten.

Seit Monaten kommen fast täglich Boote mit Flüchtlingen aus Tunesien auf der kleinen Insel vor Italien an. Doch nicht sie waren es, vor denen Rubeis fliehen musste - drei seine Wähler hatten den Bürgermeister attackiert. Er sei zu "nachsichtig" und "weich" im Umgang mit den Flüchtlingen, warfen sie ihm vor, er tue nicht genug, damit sie endlich von der Insel verschwinden.

Die Unerwünschten hatten aus Protest gegen ihre bevorstehende Abschiebung und die Zustände im Lager amDienstag die Anlage in Brand gesteckt, etwa 800 Insassen konnten fliehen. Am Mittwoch eskalierte dieSituation schließlich völlig: Bei Kämpfen zwischen der Polizei und ausgebrochenen Flüchtlingen wurden dutzende Menschen, darunter vier Beamte, verletzt, einer davon schwer, berichtet La Republica.

"DieWut wird von Tag zu Tag größer" , sagt eine Mitarbeiterin von Ärzten ohne Grenzen, die auf Lampedusa arbeitet, zumStandard. "Das Lager ist völlig überfüllt, die Menschen schlafen auf Matratzen auf dem Boden. Eigentlich sollten sie nur 48 Stunden hier sein, viele sind aber schon seit Wochen da." Lampedusa ist nur als Auffanglager gedacht:Von hier sollten Flüchtlinge möglichst schnell entweder aufs italienische Festland oder zurück in ihre Herkunftsländer gebracht werden.

Begonnen hatten die Ausschreitungen, nachdem eine Gruppe Tunesier, die bei dem Brand in der Nacht aus dem Lager fliehen konnten, Gasflaschen aus einemRestaurant gestohlen und gedroht hatten, sich damit in die Luft zu sprengen. Die Polizei konnte sie überwältigen. Etwa Hundert ebenfalls ausgebrochene Flüchtlinge marschierten durch die Stadt Lampedusa und skandierten "Freiheit, Freiheit" , bis aufgebrachte Bewohner sie mit Steinen attackierten.

"Verbrecher wegbringen"

Eltern brachten ihre Kinder in derSchule der Stadt in Sicherheit. Der Bürgermeister appellierte aus seinemBüro an Italiens Innenminister Roberto Maroni, er möge "diese Verbrecher" von der Insel bringen: "Wir wollen keinen einzigen Tunesier mehr auf der Insel. Lampedusa ist kein Alcatraz." Premierminister Silvio Berlusconi reagierte umgehen: Er will alle Tunesier auf der Insel, etwa 1000 Menschen, bis Freitag in ihre Heimat abschieben.

Die Behörden versuchten weiter zu klären, wie es den Flüchtlingen gelungen war, das Feuer im Lager zu legen. Das Gebäude war vollständig ausgebrannt, mehrere hundert Flüchtlinge verbrachten die Nacht daraufhin im Freien, 200 wurden mit Militärflugzeugen auf das italienische Festland ausgeflogen.

Derzeit sitzen auf Lampedusa etwa 1100 Menschen fest. Die Insel ist gerade 25 Quadratkilometer groß, etwa halb so groß wie der Wiener Bezirk Floridsdorf, und hat knapp 5000 Einwohner. Viele der Flüchtlinge aus Tunesien werden von Italien nicht als Asylsuchende anerkannt - weil sie nicht vor Verfolgung geflohen sind, sondern Arbeit suchen.

Nicht nur auf Lampedusa sind die Zustände in Flüchtlingslagern prekär: Human Rights Watch kritisierte die EU-Grenzschutzagentur Frontex in einem neuen Bericht massiv: Frontex setze Flüchtlinge in Griechenland "unmenschlicher und erniedrigender Behandlung" aus. Man wisse, dass die Zustände in griechischenFlüchtlingslagern schrecklich seien, hieß es von der EU-Kommission. Man versuche, das Land zu unterstützen, dieVerantwortung liege aber beiGriechenland. (tob, DER STANDARD Printausgabe, 22.9.2011)