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Schaller: Seit April sind die Umsätze ziemlich eingebrochen, in Summe heuer um rund zehn bis 15 Prozent.

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STANDARD: Die Wiener Börse hat einen rabenschwarzen Tag hinter sich. Seit dem Höchststand hat der Leitindex ATX 60 Prozent verloren. Warum ist das Minus stärker ausgefallen als an anderen Börsen?

Schaller: Erstens sind regionalere Kapitalmärkte generell stärker von Ausschlägen betroffen - nach unten und nach oben. Zweitens ist der ATX - mit den Schwergewichten Erste und Raiffeisen Bank International - bankenlastig, und Banken haben zuletzt besonders schlecht abgeschnitten.

STANDARD: Wie wirken sich all die Korruptionsaffären aus?

Schaller: Dass derartige Vorfälle für einen Markt nicht gut sind, liegt auf der Hand. Das gehört aufgeräumt.

STANDARD: Wien scheint besonders skandalanfällig zu sein.

Schaller: Man darf nicht alle in einen Topf werfen, das wäre unfair. Aber bei einigen Gesellschaften scheint nicht alles zu stimmen. Wenn man im teilstaatlichen Bereich eine Beteiligungsorganisation zwischen Politik und Betriebe schaltet, könnte man die Polit-Einflüsse gut zurückdrängen.

STANDARD:Aber genau diese Zwischenebene gibt es ja mit der ÖIAG, und trotzdem steckt die Telekom im Korruptionssumpf.

Schaller:Das hat offensichtlich nicht funktioniert.

STANDARD: Können Privatisierungen Abhilfe schaffen?

Schaller: Der Staat muss sich nicht zu 100 Prozent von allen Anteilen trennen, denn ein starker Kernaktionär kann zur Abwehr von Übernahmen durch Konkurrenten sehr wichtig sein. Das kann man mit 25 Prozent plus einer Stimme verhindern. Doch selbst unter dieser Maßgabe gibt es ein Privatisierungspotenzial von rund 24 Milliarden, damit könnte man viel anfangen. Kandidaten sind Post, Verbund, möglicherweise auch OMV oder Teile der Bundesimmobiliengesellschaft. Das gilt auch für die Länderebene, auf der es aber praktisch kein Einsehen gibt.

STANDARD: Wie groß sind die Umsatzrückgänge der Börse?

Schaller: Seit April sind die Umsätze ziemlich eingebrochen, in Summe heuer um rund zehn bis 15 Prozent. Zu einem Teil liegt es an der globalen Unsicherheit der Investoren. Im privaten und Fonds-Bereich haben wir zudem Anzeichen, dass die Wertpapiersteuer für die Rückgänge mitverantwortlich ist. Private weichen stark ins Ausland ab, weil sie dort im Steuerausgleich Gewinne sofort mit Verlusten verrechnen können. Wir sind in Gesprächen, dass der Verlustausgleich bei uns ebenfalls gleich von den Banken gemacht werden kann. Das Finanzministerium ist da an sich auch dafür, die Banken im Wesentlichen auch.

STANDARD: Was bedeuten die Debatten über Vermögens- oder Reichensteuer für den Finanzplatz?

Schaller: Wir hören von ausländischen Investoren und Banken, dass Österreich für sie immer uninteressanter wird. Da müssen wir massiv entgegenwirken, weil wir Gefahr laufen, dass das von den Unternehmen benötigte Kapital in Zukunft nicht mehr vom Ausland hereinkommt.

STANDARD: Wie konkret?

Schaller: Wir müssen unsere Steuergesetzgebung ändern, Investoren sollen nicht bestraft werden, wenn sie Kapital zur Verfügung stellen. In gewisser Weise sollten sie dafür sogar belohnt werden. Und wir müssen unser Image im Ausland verbessern und zeigen, dass es viele gute österreichische Unternehmen gibt. (Andreas Schnauder, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 23.9.2011)