Es geht um viel, es geht um alles. Tausend Jahre britischen Königreichs stehen auf dem Spiel, Englands florierende Wirtschaft wird von der deutschen Bürokratie erstickt, nicht nur das Pfund Sterling verschwindet, sondern auch das Pint Bier. "Rettet unser Land!", fleht die Sun , während die Daily Mail das bedrohte Inselvolk zur Abwehrschlacht an die Wahlurnen ruft. Zum Referendum über die neue EU-Verfassung.

Die Kampagne, die Britanniens Boulevardblätter seit Tagen gegen das Kabinett Tony Blairs reiten, ist schlichtweg absurd. Schließlich weiß man, wie sehr sich Blair ins Zeug legte, um alles aus dem Verfassungsentwurf zu streichen, was auch nur ansatzweise nach europäischer Föderation oder gar Superstaat klingt. Der EU-Außenminister etwa? London will ihn zur reinen Symbolfigur degradieren. Die Außenpolitik bleibe "fest" unter Kontrolle der Nationalstaaten, verkündete Staatssekretär Peter Hain, Blairs Chefunterhändler beim EU-Reformkonvent.

Hain hätte als Patriotismus-Beweis auch "God Save the Queen" singen oder sich in einen Union Jack hüllen können, die Klatschpresse hätte ihn glatt ignoriert. Einmal in Schwung, schießt sie weiter aus vollen Rohren auf Deutsche und Franzosen und ihren ach so heimtückischen Verfassungsplan.

Das Tandem Berlin/Paris ist jetzt nicht mehr die "Achse der Feiglinge", die es vor dem Irakkrieg noch war. Nein, der Karikaturist der Sun zeichnet Schröder und Chirac als gerissene Verschwörer, den Deutschen natürlich in Braun. Während Blair sein Land mit einem Federstrich an Europa ausliefert, sitzt das Schurkenduo hinter dem "dümmlichen" Sonnyboy und lacht sich ins Fäustchen - und Churchill schlägt sich auf einem Wandbild voller Entsetzen die Hand vor die Stirn.

Im Informationsloch

Die Daily Mail wiederum verlangt ein Referendum über das neue EU-Grundgesetz. Weil Blair das Ansinnen zurückweist, organisiert die rechtskonservative Zeitung ihre eigene Abstimmung. Am 12. Juni werden an Tankstellen und in Supermärkten des Inselreichs Tausende von Wahlurnen auftauchen.

Umfragen zufolge haben drei Viertel der Briten keine Ahnung, worum es beim EU-Konvent überhaupt geht. Ein Informationsloch, dass sich von schnellen Federn trefflich füllen lässt.

"Der Verfassungsentwurf läutet das Ende unserer Nation ein", schrieb die Sun diese Woche. So dumm der Satz klingt, so oft wird er gedruckt: täglich 3,5 Millionen Mal. Der Besitzer des Massenblatts hatte mit Europa noch nie was am Hut. Es ist schließlich der Medientycoon Rupert Murdoch, ein Australier. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.5.2003)