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Lech - Folgt man einem Philosophen, kann nichts genau definiert werden; schon gar nicht, meint Wilhelm Schmid (Berlin/Erfurt), das Glück. Konsequenterweise kreisen auf dem diesjährigen 15. Philosophicum in Lech - Motto: "Die Jagd nach dem Glück" - viele Gedanken darum, was der Begriff alles bedeuten kann: vom momentanen Gefühlsausbruch bis zum lang anhaltenden Wohlsein; ein individuelles oder ein allgemein verbindliches Ziel; die Abwesenheit von Unglück oder eine freudige Überraschung; ein Vogerl oder eine warme Knarre.

Im deutschen Wort ist ja gebündelt, was etwa im Lateinischen, wie der Symposiums-Organisator Konrad Paul Liessmann ausführt, mehrere Entsprechungen hat: fortuna, das zufällige, felicitas, das selbst hervorgebrachte Glück und beatitudo, die Glückseligkeit. Und Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle erweitert das Spektrum um die griechischen Wurzeln dessen, was in unser Denken eingegangen ist.

Worauf also antworten wir, wenn wie gefragt werden, ob wir glücklich sind? Soll der Therapeut her, wenn die Antwort negativ ist, brauchen wir Glücksunterricht an den Schulen? Radikaler gefragt: Ist das Glück oberstes Ziel? Die Zwischendiagnose fällt eher skeptisch aus. Schmid zumindest stellt den Sinn über alle Formen des Glücks. Allerdings kommt der Sinn des Ganzen selbst wiederum in mehreren Varianten daher, und der Suchende riskiert, eine Unsicherheit durch eine weitere zu ersetzen. Auf historisch gesicherte Pfade begibt sich hingegen, wer die verbriefte pursuit of happiness auf ihren individualistischen versus ihren allgemeinverbindlichen Bedeutungsgehalt abklopft und wie Dieter Thomä (St. Gallen) zur Einsicht gelangt, dass eine dritte Wurzel, die Verschränkung zwischen dem eigenen und dem Befinden anderer, zu beachten ist: das sympathetische Glück.

Die Tatsache, dass wir Fortüne erjagen können und nicht mehr Immergleichem ausgeliefert sind, das begann für Peter Sloterdijk (Karlsruhe) in der Renaissance. Ihm zufolge verbreitet Boccaccio in seinem Decamerone die "Frohbotschaft", dass es Wissen gegen Verwirrung geben kann, Handeln gegen Naturgewalten wie die damalige Pest - ein aufklärendes Licht an der Schwelle zu neuen Entdeckungen: die Seefahrt, der Ozean als erstes Internet! Ein echter Sloterdijk, und vielleicht auch ein Weg zum Glück.

Liessmann aber lehnt sich zurück und zitiert erfreut Aristoteles, dem zufolge der Philosoph als Liebling der Götter das höchste Glück genießt - allerdings nur dank seiner kontemplativen Lebensform. "Wer einen Philosophen ins Unglück stürzen will, braucht ihn nur aufzufordern, endlich etwas zu tun." Fortsetzung folgt. (DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.09.2011)