Russland im Jahr 2028: ein neues Mittelalter, in dem hypermoderne Technologie Hand in Hand mit Massenarmut und Gewalt geht. Die Große Russische Mauer gegen alle äußeren Feinde ist in Bau. Im Kreml herrscht der weise Führer, der Gossudar. Jedes Jahr zu Weihnachten beglückt er die russischen Kinder mit einem Minikreml aus Zuckerguss. Der wird in den Familien gehütet wie ein Schatz und nur bei besonderen Anlässen angeknabbert.

In drastischen Bildern voll schwarzem Humor und bitterbösem Sarkasmus zeichnet Wladimir Sorokin, Russlands bekanntester Gegenwartsautor, in seinem Buch Der Zuckerkreml eine düstere Zukunftsvision seines Landes.

2028, das ist vier Jahre nach dem voraussichtlichen Ende der Ära Putin. Denn dass der jetzige Premier, soeben zum Präsidentschaftskandidaten nominiert, nach der Wahl 2012 auch jene im Jahr 2018 gewinnen und dann weitere sechs Jahre amtieren wird, daran ist, gute Gesundheit vorausgesetzt, kaum zu zweifeln.

Die Zweckoptimisten lagen falsch, die Realisten behielten recht. Der - nach außen hin - für russische Verhältnisse liberale Dmitri Medwedew ist nichts anderes als ein Platzhalter für seinen Mentor Putin. Mit Medwedews Installierung als Kremlchef nach zwei Amtszeiten Putins wurde der Schein der Verfassungstreue gewahrt. Gleichzeitig wurde die Amtszeit künftiger Präsidenten auf sechs Jahre erhöht. Wenn nichts gänzlich Unvorhergesehenes passiert, werden Putin und das von ihm geschaffene System Russland ein Viertel des 21. Jahrhunderts prägen.

Mag sein, dass Medwedew selbst an seine Rhetorik glaubt: Herrschaft des Rechts, gesellschaftlicher Pluralismus, Aufbau der Zivilgesellschaft. Faktum ist, dass nichts davon während seiner Amtszeit auch nur ansatzweise versucht wurde. Im Gegenteil: Der Zentralismus, die sogenannte Machtvertikale, ist stärker denn je; alle Versuche, echte demokratische Parteien aufzubauen, wurden vom Kreml im Keim erstickt; der Staatshaushalt hängt weiter am Tropf der Öl- und Gaseinnahmen; die Wirtschaft bleibt überwiegend grundstofforientiert. Russlands internationale Rolle beschränkt sich derweil weitgehend auf Imponiergehabe und Neinsagen.

Die Bilanz von knapp zwölf Jahren Putinismus (also zur voraussichtlichen Halbzeit): wirtschaftliche Stagnation, politische Grabesruhe, gesellschaftliche Lethargie. Hunderttausende gut ausgebildete Russinnen und Russen sind bereits ausgewandert, der Braindrain hält unvermindert an. Wer bleibt, versucht irgendwie durchzukommen. Ziviles Engagement, unternehmerische Initiative, Eigenverantwortung scheitern an einer allmächtigen Bürokratie, einer Bürokratie, die jetzt wieder zweifelsfrei weiß, woran sie ist.

Man kann dieses System Stabilität nennen. In Wahrheit bedeutet es nichts anderes, als dass ein Russland gegen das andere steht: die Machtvertikale gegen die Volkshorizontale. Das Ergebnis bedeutet Lähmung - wie es scheint, mindestens weitere zwölf Jahre. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.9.2011)