Bild nicht mehr verfügbar.

"Nun ist man verwirrt, weil so darf es doch trotzdem nicht ausgehen, so wie es das jetzt tut."

Foto: Francois Guillot, pool/AP/dapd

Lässt man die letzten Monate Revue passieren, stellt man fest, dass man sich immer noch mit der Affäre Strauss-Kahn beschäftigt. Was für ein interessantes Beispiel dafür, wie sehr die eigene Meinung einen verzweifeln lassen kann.

Auf Empörung über den übergriffigen Machomachthirschen folgte Verunsicherung, ob der arme notgeile Knacker nicht auf eine geldgierige, so genannte "Foppen" hineingefallen ist. Und nun ist man verwirrt, weil so darf es doch trotzdem nicht ausgehen, so wie es das jetzt tut. Auch wenn er zu Recht/zu Unrecht gestraft wurde mit dem Verlust der Aussicht aufs Präsidentenamt oder sie zu Recht/zu Unrecht wieder in ihrem Zimmermädchenjob sitzt.

Catherine Millet ist die französische Paradeintellektuelle mit dem ausgeprägten Swingerhobby, weiters Machtmenschsexversteherin und Autorin von "Das sexuelle Leben der Catherine M.", dem wohl einzigen Buch über Sex, aus dem vor lauter geistiger Abgehobenheit in Bezug auf die erlebten Dinge letztendlich kein gemütliches Wichsbuch geworden ist. In einem Spiegelinterview vom Mai dieses Jahres sagt sie zur Affäre Strauss-Kahn, zu einem Zeitpunkt, als die Medien noch einstimmig die Variante Vergewaltigung propagierten: "Selbstverständlich würde ich die Gewalt verurteilen, die ein Starker gegenüber einem Schwächeren anwendet. Aber es kommt auf den Grad der Gewalt an, nicht auf die sexuelle Natur der Tat. Nichts ist relativer als ein Urteil über eine sexuelle Handlung."

Finanzministerin

Okay. Trotzdem bleibt was Unfaires in der Betrachtung der Ereignisse, was den Herrn Strauss-Kahn angeht. Er war ja auch einmal Finanzminister. Nehmen wir jetzt unser aktuelles österreichisches Pendant - hoppla, eine Frau! Ein gutes Beispiel, denn Maria Fekter präsentiert sich in vielen Dingen so, wie man sich einen unsympathischen Mann in der Position vorstellt. Sowohl rhetorisch als auch in der Körpersprache. Man kennt natürlich außer Wichtigtuerei die weiteren Energiequellen nicht, die jemanden wie sie so konstant ihre brutale Performance abliefern lässt. Trotzdem geht sich die Vorstellung, dass Maria Fekter im Rahmen eines Kongresses in New York ins Hotel eincheckt und nach einem 50-sekündigen Dialog den, sagen wir, puertoricanischen Minibarauffüller vernascht, aus mehreren Gründen nur mit Hirnmuskelkraft aus.

Klar gibt's Frauen, die sich Lust nehmen, wenn sie's brauchen. Oft auch in einem ähnlichen sozialen Gefälle wie im Fall Strauss-Kahn/Zimmermädchen. So wird die Geschichte überliefert von der Schiffsreise der New Yorker Autorin Dorothy Parker, die dabei seekrank wurde und darüber ihren Freunden ähnliches telegrafierte wie: "Ich konnte die ganze Zeit nichts in mir behalten, bis auf den ersten Offizier." Ja, Katharina die Große gab's auch. Und Elisabeth von England. Mächtige Frauen vögeln auch gerne. Aber irgendwie unterstellt man Herrn Strauss-Kahn mehr Selbstgerechtigkeit in der Ambition, sich jemanden ihm völlig wurschten kurz und kalt gefügig zu machen.

Vielleicht ist es auch nur die Ungerechtigkeit, zumindest in der Konstellation Frau/Mann, dass eine vergewaltigte Frau im Vergleich zu einem missbrauchten Mann nicht diesen letzten kleinen Fluchtweg hat, einfach keinen Ständer zu bekommen. (derStandard.at, 26.9.2011)