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Kick des Bungee-Springers - ein Glücksmoment als Lohn der Angst? Glück im tieferen, philosophischen Sinn sieht anders aus.

Foto: REUTERS/Stefan Wermuth

Lech - Alle streben danach, glücklich zu sein. Doch was heißt das, woraus besteht das Glück, sind wir auf dem rechten Weg dorthin, als Einzelne oder als Gesellschaft? Ist jeder Weg recht? Fragen, die unser Tun bestimmen, auch wenn wir sie uns nicht stellen. Philosophen stellen sie immer wieder - schließlich geht es in ihrer Disziplin unter anderem, wenn nicht vorrangig, um das gute, das gelungene Leben -, und besonders intensiv setzten sie sich letzte Woche auf dem 15. Lecher Philosophicum mit dem Thema auseinander.

Das Symposium bot eine Bühne für theoretische Erörterungen, Definitionen halfen zu klären, wovon genau die Rede war. Doch dahinter standen, ob man wollte oder nicht, Wegweiser in die Praxis, wenn auch nicht als wohlfeile Ratgeber oder Formeln, deren Konjunktur Symposiumsleiter Konrad Paul Liessmann allenthalben konstatierte.

Immerhin war die grundsätzliche Unterscheidung zwischen "luck" und "happiness" eminent praktisch. "Was Glück im Dasein bedeutet, kann kein Mathematiker erklären", erklärte der Mathematiker Rudolf Taschner (Wien), "wohl aber, was Glück im Spiel bedeutet." Und er führte vor, wie eine ernsthafte und kluge Abwägung von Chancen und Risiken, Aberglauben und harten Statistiken, Zufall und Schicksal durchaus mit hoher Kabarettkunst einhergehen kann. Abends durften die Besucher (insgesamt fast 800, ein Lecher Rekord) am Roulettetisch Taschners Ratschläge anwenden: nicht weinen! Aufhören können! Nicht neidig sein!

Etwas zu riskieren ist für Peter Strasser (Graz) eine der Strategien, sich lebendig und somit glücklich zu fühlen. Ein Weg aus der Langeweile, aus der oberflächlichen Existenz à la Nietzsches "Erdflöhe" seien sie, die Red-Bull-Flashes im Extremsport oder gar das Gefühl eines Aufbruchs, wenn's in den Krieg geht. Er zitierte aus einem Buch des US-Autors Walker Percy, der genau das ausdrückte: Pearl Harbour bedeutete: endlich raus aus der Routine des Provinzalltags: "War is better than Monday morning." Demgegenüber hielt Strasser an der Fähigkeit von uns "Durchschnittsbürgern" fest, im Mit-Gefühl eine nicht (selbst)mörderische Lebendigkeit zu spüren. Wer diese allerdings ostentativ vor sich her trägt, gerät erst recht in den Verdacht eines flachen, nichtauthentischen Glücks, einer Attitüde.

Gelassene Aufmerksamkeit

Wie aber gelingt es auf authentische Weise? Kaum verwunderlich, dass es darauf keine einfachen Antworten gab, vielmehr Überlegungen, welche Lebensformen die größtmöglichen Chancen auf ein glückliches Leben bieten. Für Rahel Jaeggi (Berlin) war das eine Frage gesellschaftlicher Experimente; Beate Rössler (Amsterdam) hielt persönliche Autonomie für entscheidend - eine notwendige, nicht ausreichende Bedingung für ein gelungenes, sinnvolles Dasein.

Als Resümee einer eindrucksvollen Tour de Force über Neid und Opfer von Polykrates bis zu Reaganomics stellte Thomas Macho (Berlin) quasi ewige Kreisläufe der Schuld fest und genaue, vielleicht Glück verheißende, gerichtete Aufmerksamkeit in Aussicht. Dieser Terminus fand sich bei Sabine Meck (Berlin) in sehr anderem Zusammenhang: als Merkmal eines gelassenen, buddhistischen Idealbilds - ein, wie sie meinte, mit wissenschaftlichen Mitteln nicht zu erforschender Weg zum Glücke.

Rausch, Sucht, Verbrechen: ebenfalls Pfade, halt oft krumme, zu einem persönlichen Glücksgefühl, wie der Psychiater Reinhard Haller (Feldkirch) an Künstlern, Kriminalfällen und Fällen aus der eigenen Praxis zeigte. Ein schwieriger Ausweg sei die Abstinenz, "sie muss noch verlockender sein als Rausch und Sucht".

Allerdings: Dass auch die Philosophie mit Rausch zu tun haben dürfte, dafür spricht eine in 15 Jahren Philosophicum längst in Lecher Hotels zur Tradition gewordene Einrichtung, in der, so Haller, allnächtlich "mutmaßlich nicht nur Mineralwasser getrunken wird": die Philosophenbar. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. September 2011)