Matthew Porterfields "Putty Hill" beschreibt eine ärmliche Community und ihr Zusammengehörigkeitsgefühl.

Foto: Stadtkino

Wien - Vorurteile sind näher, als sie erscheinen! Wer am Anfang von Matthew Porterfields Putty Hill bei den durch die Wälder von Maryland pirschenden Paintball-Spielern gleich an dämliche Waffennarren denkt, wird schnell eines Besseren belehrt. Einer der "Weekend-Warrior" ist James (James Siebor), ein verträumter, sanftmütiger Kerl, der so gar kein Klischee dieses Freizeitsports erfüllen will. Demoskopisch entspricht er der Zielgruppe freilich schon, James stammt aus einer zerrütteten weißen Familie am unteren Ende der Einkommensskala. Sein Bruder Cory, das abwesende Zentrum des Films, ist kürzlich an einer Überdosis gestorben.

Es benötigt einen unvoreingenommenen, auch unverbrauchten Blick, um einem Milieu, das gerne lapidar unter dem Begriff "White Trash" zusammengefasst wird, noch neue Sichtweisen abzugewinnen. Putty Hill zeichnet diese Neugierde aus: Hier werden weder die Konventionen des Sozialrealismus bemüht, der einen an proletarischen Welten teilhaben lässt, noch wird eine Art Ursachenforschung sozialer Missstände betrieben. Dieser Film schaut hin, aber er kommentiert nicht.

Porterfield, der selbst aus Baltimore stammt und die strukturschwachen Vororte der Stadt gut kennt, betrachtet das Vertraute mit den Augen eines Unbeteiligten. Er schafft damit Raum für Assoziationen, die von Teen-Dokumentarfilmen wie Streetwise bis zu Fotografien von William Eggleston reichen - Arbeiten, die das Bild eines Lower-Class-Amerika geprägt haben. Das Dokumentarische benützt Porterfield im Film wie ein Authentizitätssiegel: Es kommt öfters vor, dass er eine Figur des Films gleichsam zur Seite nimmt und aus dem Off Fragen an sie richtet, um etwas mehr über ihre Beweggründe zu erfahren.

Bemerkenswert daran ist aber weniger der Bruch mit der Illusion - sie ist ohnehin fragil - als der Umstand, dass es nur wenig Erklärungen, geschweige denn Wahrheiten zu ergründen gibt. Corys Cousine Jenny (verkörpert von der Sängerin Sky Ferreira, der einzigen Prominenten des Films) hat kaum Erinnerung an den Toten und kämpft selbst um die Anerkennung durch ihren Vater, einen Tätowierer. Drogen sind in diesen Verhältnissen so selbstverständlich, dass darum kaum Aufhebens gemacht wird. Die Trauer um Cory hält sich vielleicht auch deshalb in überschaubaren Grenzen.

Eine durch ihre atmosphärische Unbestimmtheit besonders erinnerungswürdige Szene des Films zeigt die Trauerfeier für den Toten, in der es zu keinerlei emotionalen Ausbrüchen kommt. Das Setting in einer schmuddeligen Karaoke-Bar gibt einen eher gemächlichen Rhythmus vor, es werden kleine Ansprachen gehalten, Lieder gesungen. Diese Community mag über eine ungewöhnliche Gelassenheit verfügen, die Szenerie vermittelt aber auch ein nur schwer fassbares Zusammengehörigkeitsgefühl.

Deshalb ist wohl auch der Skateboard-Platz genau der richtige Ort für ein Graffito, das an Cory erinnert: Innerhalb dieser losen Gruppe, deren unbestimmte Bewegungen Muster auf den Beton zeichnen, kennt sich ein jeder vom Sehen. Und jeder, sagt einer der Jugendlichen, kann irgendetwas besonders gut. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD/Printausgabe 28.9.2011)