Graz - Die Grazer SP stand dienstags, am Tag danach, noch einigermaßen unter Schock: Die Top-News auf der Homepage der Stadtpartei: "SozialexpertInnen für Aufstockung der Polizei und Ordnungswache". Kein Wort über den Umsturz an der Spitze der Partei, der am Vorabend die Partei abermals auf den Kopf gestellt hatte.

Nur wenige Monate, nachdem Edmund Müller die völlig aus dem Ruder gelaufene Stadtpartei übernommen hatte, hat auch er entnervt aufgegeben. Nun soll die junge Sozialstadträtin Martina Schröck die Stadtpartei als Vorsitzende übernehmen - sie wäre die Nummer sieben seit 2008. "Wir fangen bei null an. Es ist die letzte Chance für uns vor den Wahlen in 14 Monaten", sagte SP-Klubchef Karl-Heinz Herper im Gespräch mit dem STANDARD.

In der Partei werden dennoch schon Wetten abgeschlossen, wie lange sich Schröck auf dem Schleudersitz halten wird können, der bei dieser Geschwindigkeit des roten Personalkarussells eine gewisse politische "Schwindelfreiheit" erfordert. Edmund Müller war damit nicht ausgestattet. Auch er sprang jetzt rechtzeitig ab, "bevor ich gesundheitliche Auswirkungen spüre", begründete der Kurzzeit-Parteichef seinen Rücktritt. Müller war von Parteichef Franz Voves Anfang des Jahres nach Graz geschickt worden.

Er gab dafür seinen gut dotierten Job als Geschäftsführer der Forschungsstätte Joanneum Research auf. Dass er aber seine Pensionsansprüche mitnahm, bot schwere Munition für den lokalen Medienmarkt, der Müller seit seinem Einstieg in die Politik als "Müllionär" unter Dauerbeschuss hielt. Weder Mentor Voves noch die Grazer Stadtpartei kamen dem neuen Parteichef, der völlig isoliert agierte, zu Hilfe. Voves, der ihn geholt hatte, richtete ihm kürzlich öffentlich gar aus, dass er sich mehr von ihm erwartet habe, was die Schleusen auch zu einer internen Kritikwelle öffnete. Das völlige Chaos in der ehemals bestimmenden Bürgermeisterpartei löste bei den anderen Rathausparteien zum Teil hämische, aber auch besorgte Reaktionen aus. Die ÖVP sprach von einem "menschlich und politisch unfassbaren Machtkampf". Die Grünen bezeichneten es als "empörend", wie die SPÖ mit ihrer Regierungsverantwortung umgehe. Innerhalb von nur 15 Monaten habe die SPÖ bereits zum dritten Mal die Verantwortung im Kultur- und Gesundheitsbereich gewechselt.

KPÖ-Stadträtin Elke Kahr wiederum machte sich ironisch über die Gruppenfotos der Grazer Stadtregierung Sorgen. Der Wechsel bei der SPÖ in den vergangenen Jahren mache nun bereits die Aufnahme des siebenten offiziellen Fotos der Grazer Stadtregierung notwendig. Und BZÖ-Politiker Gerald Grosz - er sitzt nicht nur im National-, sondern auch im Grazer Gemeinderat - stieß sich an der Vorliebe der neuen SP-Chefin Schröck "für die Haute Couture".(Walter Müller, DER STANDARD, Printausgabe, 28.9.2011)