Manchmal braucht es in der Politik die ganz große Geste. Unvergessen, wie der deutsche Kanzler Helmut Kohl und Frankreichs Staatspräsident François Mitterrand 1984 Hand in Hand an den Soldatengräbern von Verdun standen. Die Botschaft wirkt noch Jahrzehnte später nach: Die einstigen Kriegsgegner Deutschland und Frankreich gehen in Europa einen gemeinsamen Weg.

Auf ein wenig Pathos dieser Art warten viele auch heute, wo die Zukunft Europas auf Messers Schneide steht, wieder. Aber aus Deutschland kommt nichts. Kanzlerin Angela Merkel, diese rationale Naturwissenschafterin, vermag diese Sehnsucht nicht zu erfüllen. Zwar hat sie in ihren letzten Reden - im Bundestag und auf Regionalkonferenzen vor einer verunsicherten CDU - ein wenig mehr Leidenschaft für Europa erkennen lassen. Aber Merkel kann und will offenbar jene Führungsrolle in Europa, die viele von ihr erwarten, nicht übernehmen.

Darüber herrscht Frust von ganz oben bis nach ganz unten. Die Mehrheit der Deutschen glaubt längst nicht mehr, dass Merkel die Eurokrise stemmen kann. Und wen meint US-Präsident Barack Obama wohl, wenn er kritisiert, die Europäer hätten zu zögerlich auf die Euroschuldenkrise reagiert, die nun der Welt Angst einjage? Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann sicher nicht. Dieser Tritt aus Washington zielt auf Merkel.

Vieles, was in Deutschland derzeit schiefläuft, ist tatsächlich "made by Mutti", hat also die Bundeskanzlerin selbst mit ihrem Hü-und-hott-Kurs verschuldet. Zuerst wollte sie 2010 keinen Cent für die darbenden Griechen geben, weil im bevölkerungsreichen Nordrhein-Westfalen Landtagswahlen anstanden, dann wurden es immer mehr Cents und die Deutschen wurden dabei immer unruhiger.

Hinter all dem war eine Überlegung so deutlich zu lesen wie Neonreklame im dunklen Nachthimmel: Merkel sind die europäischen Nachbarn weniger wichtig als die Wählerinnen und Wähler zu Hause in Deutschland. Die jedoch haben keine Lust, mit immer mehr deutschem Steuergeld europäische Brände zu löschen.

Das ist nicht ganz unverständlich. Genau deshalb hätte man vielleicht beizeiten schon darauf hinweisen müssen, dass Deutschland mit seiner starken Exportwirtschaft einer der großen Profiteure des Euro ist und daher auch in Krisenzeiten solidarisch sein sollte. Das hat Merkel jedoch lange Zeit versäumt.

Man erinnere sich noch einmal an Helmut Kohl. Zwei Drittel der Deutschen wollten an der D-Mark festhalten und waren gegen den Euro. Kohl und sein Finanzminister Theo Weigel (CSU) aber setzten dieses Projekt durch, weil sie von der gesamteuropäischen Idee dahinter überzeugt waren.

Man kann aber auch nicht alles auf Merkel allein schieben. Die Boygroup um FDP-Chef Philipp Rösler ist weniger Partner, sondern mehr Peiniger, dem das Wohl der FDP-Klientel (Steuersenkung!) allemal näher ist als eine europäische Idee. Auch die Zusammenarbeit mit dem Franzosen Nicolas Sarkozy ist nicht immer einfach.

Die Ausweitung des Eurorettungsschirms wird Merkel am Donnerstag im Bundestag schon hinbekommen. Aber damit hört die Arbeit längst noch nicht auf, es ist nur eine weitere mühselige Etappe geschafft. Danach müsste die Kanzlerin endlich eine europäische Idee entwickeln. Ob sie aber noch die Kraft für mehr Europa und weniger Deutschland hat, ist völlig offen. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.9.2011)