Stellen Sie sich vor: Sie haben 2,8 Milliarden Euro jährlich zur Verfügung - und Sie haben keine Ahnung, was Sie damit machen sollen. Das gibt es gar nicht, werden Sie jetzt denken! Doch fragen Sie die österreichischen Universitäten, denen passiert das gerade.

Österreich ist mit einer Akademikerquote von 19 Prozent ein akademisches Entwicklungsland. Das schädigt den Wirtschaftsstandort Österreich im internationalen Wissenswettbewerb massiv. Ein Land, das keine andere Ressource hat als Bildung, kann es sich nicht leisten, die Bevölkerung davon fernzuhalten. Wir alle sind uns bewusst, wir brauchen um ein Vielfaches mehr Uni-Absolventen. Die logische Schlussfolgerung (auch wenn in der Politik selten logische Dinge passieren): Wir geben den Universitäten Jahr für Jahr mehr Geld, damit sie mehr Studierenden den Abschluss ihres Studiums ermöglichen können.

In Summe stieg das Budget der Universitäten seit Regierungseintritt der SPÖ ab Jänner 2007 um 48,8 Prozent. Aber die Universitäten wissen nicht, was sie damit tun sollen. Zumindest lässt sich bei einer Bestandsaufnahme nichts anderes ableiten, denn auf den Unis hat sich nichts geändert: Kapazitäten wurden nicht aufgestockt, Qualität nicht verbessert, Akademikerquote nicht erhöht. Und: Man beschwert sich weiter, dass zu wenig Geld da ist und fordert Zugangsbeschränkungen. Die Rektoren tun so, als wären die Uni eine überfüllte Disco und schreien nach dem brutalen Türsteher.

Digitalisierung ausbauen!

Also alles beim Alten! Das beste Beispiel dafür lieferte Prof. Aigner in seinem Kommentar vom 22.9. 2011. Was neu ist? Die Pro-Kopf-Kosten sind laut OECD-Bericht (Education at a glance 2011) am vierthöchsten unter allen Industriestaaten. Berechtigte Frage: Was passiert mit dem Geld? Ja stimmt, die Zahlen der Neuzugänge steigen, wenn auch seit Anfang 2007 mit 27 Prozent deutlich geringer als die Budgetmittel. Doch niemand hat von den Universitäten verlangt, dass sie jetzt 300 Professoren mehr aufnehmen oder ein neues Gebäude bauen müssen, nur weil aus vielen Lehrveranstaltungen in den letzten 20 Jahren Pflichtveranstaltungen wurden. Denn das braucht es nicht und entspricht auch nicht den Bedürfnissen der Studierenden, ganz im Gegenteil:

Die Studenten von heute brauchen dringend Möglichkeiten, ihr Studium zu absolvieren und dabei weniger als mehr Zeit auf den Universitäten zu verbringen. So sind die meisten von ihnen Werksstudenten und haben berufliche Verpflichtungen. Und das ist gut so. Nicht nur, weil wir wollen, dass sich die Bevölkerung ihr ganzes Leben lang weiter bildet, was bedeutet, dass sie lediglich einen kleinen Teil ihrer "Bildungszeit" ausschließlich Vollzeitstudierende sind und den Großteil als Werksstudenten, die Beruf und Weiterbildung unter einen Hut bringen müssen, zu absolvieren haben.

Das heißt aber auch, dass dringend Ideen und Innovationen gefragt sind, um den Unialltag nicht zwingend an das Gebäude "Universität" mit seinen Vorlesungen und Seminaren zwischen 9 und 18 Uhr zu binden. Dies ist eine wichtige Vorbedingung für lebenslanges Lernen, die der Bevölkerung Teilhabe an universitärer Forschung und Lehre ermöglicht.

Im 21. Jahrhundert muss es möglich sei,n dass die Studierenden von heute ihr Wissen dort erweitern, wo es ihren Lebensumständen entsprechend gerade möglich ist. Sei es zuhause, im Büro, im Zug, mit einer Gruppe Studierender im Caféhaus oder eben auf der Universität. Fernstudium darf auf den heimischen Universitäten keine Ausnahme sein, sondern flächendeckendes Angebot.

Die technologischen Möglichkeiten ließen genau dies zu. Mit einem massiven Digitalisierungsausbau an unseren Universitäten, müssten unsere Rektoren nicht über den massiven Zulauf an Studierenden weinen, sondern könnten sich dessen erfreuen. Sie müssten nicht mehr ihre Zeit damit verschwenden, Studenten von Unis und tertiärer Ausbildung fern zu halten, sondern könnten sich ganz darauf konzentrieren so viele Studenten und wissenshungrige Leute auf die Unis zu holen. Das heißt: Kooperationen mit High-Tech Unternehmen starten, um ein umfassendes, modernes E-Learning-Programm (das bitte über Moddle hinausgeht) und die Digitalisierung der Bibliotheken rasch auf Schiene zu bringen. Und wenn wir sicher sein können, dass wirklich alle, unabhängig von Einkommen, sozialen Status, Berufstätigkeit oder Kapazität der Hörsäle die Möglichkeit bekommen, ihr Leben lang Bildung an den österreichischen Universitäten zu genießen, steht die Erhöhung Forschungsquote auf zwei Prozent des BIP außer Frage.

Und über Studiengebühren, die einfach eine Bildungssteuer sind, möchte ich, wenn überhaupt dann erst wieder diskutieren, wenn Österreich bei der Akademikerquote den OEDC-Schnitt erreicht hat. (Christoph Matznetter, DER STANDARD, Printausgabe, 28.9.2011)