Das Portfolio ist wichtig - in Küche wie Anlage!

Foto: Standard/Sussitz

Essen war immer schon Thema in Österreich. Kochen ist es zunehmend. Jeder Österreicher kennt das Phänomen. Vor zehn Jahren gab es für die Gäste des Hauses eine recht einfache Speisefolge - Vorspeise, Hauptgericht, Nachspeise. Die Rezepte entstammten großteils der österreichischen und italienischen Küche, von Schnitzel bis Saltimbocca, von gefüllten Paprika bis Pasta Asciutta. Die dazugehörigen Kräuter und Gewürze hörten auf den Namen Petersilie, Thymian, Salbei, Majoran, Kerbel, Minze, Vegeta oder Paprikapulver. Heute kommt jede Einladung nicht ohne fünfgängiges Menü aus, die Gerichte sind ein Crossover-Mix à la asiatisch zubereitete Putenbrust und Champignons mit Zimt und Zitronensaft. In der Warenkunde zeitgemäßer Kochbücher nehmen Thai-Basilikum, Koriander, Rosa Beeren, Ingwer, Chili und Currys wie selbstverständlich ihren Platz ein.

Kochen ist also in. Und wenn sich viele die Zeit nehmen, nach getanem Werk auch noch ihr Gästebuch zu befüllen, sprich einzutragen, wer eingeladen war und was zubereitet wurde, spätestens dann ist dieses Handwerk in der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft angekommen.

Dieses gute Image hat nun ein ganz anderes Handwerk - nämlich die Finanzbranche - für sich entdeckt. Raiffeisen bewirbt ihre Anlageprodukte neuerdings damit. Eine Managerin der Kepler'schen Rentenfonds steht dafür als Köchin an der Chili-Mühle Pate. Nicht nur das mit "Für jeden Geschmack" betitelte Sujet fischt im lukullischen Teich. Auch die Doktorin weiß mit ihrer professionellen Kochuniform zu gefallen. Salz- und Pfeffermühle, Zwiebel, Kräuter und Gemüse lassen es erahnen - hier wird jedem sein maßgeschneidertes Produkt zusammengestellt. Vollends von der Seriosität überzeugt uns die aus beigen Fließen zusammengestellte Wand im Hintergrund, die uns an den Eingang einer Therme erinnert. Das Motto lautet: Entspannen und genießen! (Hermann Sussitz, derStandard.at, 28.9.2011)