Wien - Nach den gröbsten Stabilisierungsmaßnahmen im Güterverkehr beginnt das vor 15 Monaten installierte Bahnregime rund um ÖBB-Holding-Chef Christian Kern Kernthemen anzufahren. Unter dem Schlagwort "Fit 2015" wurden 11 Leitprojekte zur Kostensenkung und 15 zur Marktorientierung identifiziert.

Heißt konkret: Bündelung von Standorten und Dienstleistungen im Güterverkehr und Auslagerung des defizitären Stückgutbereichs (Kontraktlogistik) samt Beschäftigten in eine Subgesellschaft, für die regionale Frächter als Partner gesucht werden. Kostenseitig saniert werden muss auch der unbegleitete Kombiverkehr. Wiewohl dank guter Konjunktur bis Juni sogar die Gütersparte RCA ihr Ergebnis (EBT) auf minus 10,4 Mio. Euro einbremste und der Konzern mit 27,4 Mio. Euro im Plus war, wird das Konzernergebnis 2011 ein Minus zieren. Im Klub der Wirtschaftspublizisten begründete Kern dies mit Rückstellungen für drei Kartellverfahren. Bisher war ihre Notwendigkeit stets verneint worden.

Technisches Services auf dem Prüfstand

Auf dem Prüfstand stehen auch die in der ÖBB-Tochter Technische Services (TS) gebündelten Werkstätten. Der Standort Simmering soll laut Standard-Informationen zumindest teilweise geschlossen werden. Die Schließung sei noch nicht fix, versichert Kern, "aber wir haben nach Auslaufen der Railjet-Fertigung einen Standort zu viel und Assembling ist künftig kein Geschäftsmodell". Mit der Inbetriebnahme des Wiener Hauptbahnhofs 2013 könnte der Wegfall der einen Steinwurf entfernten Werkstätte Grillgasse (Heavy Maintainance, also große Instandhaltung für Reisezugwagen) freilich ein Problem werden. Unterwegs-Reparaturen für kleine Mängel wären dann in Jedlersdorf zu machen, was 30 Kilometer Fahrt über die tagsüber überlastete S-Bahn-Strecke und Kosten (Strom, Schienenmaut) verursacht. Da mit der Fertigstellung des Lainzer Tunnels die Werkstätte West vom Westbahnhof auf den Matzleinsdorferplatz übersiedelt, dürfte es dort kapazitätsmäßig eng werden.

Und: Während nächst der ÖBB-Lehrwerkstätte in St. Pölten 2013 die bundesweite Berufsschule für Eisenbahnberufe entsteht, steht die ÖBB-Hauptwerkstätte St. Pölten zur Disposition. Sie soll laut internen Plänen 2018 abgesiedelt werden. Zusammen geht es in Simmering und St. Pölten um mehr als 800 TS-Arbeitsplätze (von insgesamt 3450). Es werde vieles geprüft, noch sei nichts beschlossen, versichert die Bahn.

Keine Auslastung in Sicht

Auslastung ist nicht in Sicht. Denn der ÖBB-Personenverkehr kann sich die ersten 35 für Wien und Niederösterreich bestimmten Siemens-Nahverkehrszüge nicht leisten. Das lasse die Eigenkapitalquote (18 Prozent) nicht zu. Zu "den Kellerkindern" gehört diesbezüglich auch der Güterverkehr (minus zwei Prozent laut IFRS). Besser unterwegs als noch vor einem Jahr befürchtet ist RCH (ehemals MávCargo). Um Fixkosten in Griff zu bekommen, will die ÖBB Verträge für Traktion und Loks mit der ungarischen Staatsbahn Máv fixieren.

Da Geld für Expansion fehlt und eine Konsolidierung des Güterverkehrs in Zentral- und Südosteuropa aber nicht in Sicht ist, sucht Kern Investoren, mit denen RCA einen Low-Cost-Carrier aufstellen kann. Die ÖBB würde 40 Loks einbringen, gemeinsam könnten Bulgarien und die Türkei aufgerollt werden. Womit ein Thema wieder auf dem Tisch liegt: die Kapitalerhöhung, bis zu 400 Mio. Euro, nicht für Verlustabdeckung, sondern Wachstum in Kernmärkten. Ohne Strategie "Fit 2015" mit schwarzer null 2013 sei ohne Kapitalerhöhung praktisch nicht umsetzbar. (ung, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 30.9.2011)