Jon King möchte, dass das Publikum klatscht, Andy Gill (re.) will nach Hause. Gang Of Four live im Flex.

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Wien - Die Kreischgitarre zum Disco-Schlagzeug im Song To Hell With Poverty ist immer noch ein Wahnsinn. Und der Titel ist angesichts eines selbst schon unter gut ausgebildeten Menschen wachsenden Prekariats auch 30 Jahre nach seinem Erscheinen noch aktuell.

Als dieses Lied von Gang Of Four bei ihrem Wienkonzert am Mittwoch gespielt wurde, war die Eiszeit zwischen Publikum und Band gerade auf ein erträgliches Maß abgetaut. Was diese seltsame Stimmung verantwortete, war nicht festzumachen, irgendetwas saugte an diesem Abend die Laune aus dem Wiener Flex wie ein schwarzes Loch.

Dass der für die Schneidbrenner-Gitarre verantwortliche und damit berühmt gewordene Andy Gill den Charme eines Kühlschranks verströmte, war nicht zu übersehen, aber das Publikum fremdelte seinerseits mindestens genauso. Da halfen die zappeligen Animationsversuche von Sänger Jon King auch nicht.

Der Wiener klatscht einfach nicht gerne die Hände über dem Kopf zusammen, schon gar nicht jene Generation, für die diese prinzipiell unnatürliche Körperhaltung Erinnerungen an Udo Hubers Hitparaden-Show Die großen Zehn wachruft. Dort musste auf Kommando auch immer über Kopf Patschhandi-z'amm gespielt werden. Und das bei einer der wichtigsten und einflussreichsten Bands des britischen Postpunk? Geht nicht.

Stimmung im Keller

Jedenfalls grundelte die Stimmung von Anfang an auf Kellerniveau rum. Vielleicht lag es daran, dass gerade einmal 300 Leute gekommen waren, um die als Headliner des Waves-Festival ausgelobten Briten zu sehen.

Die 1977 in Leeds gegründete Band hat mit ihrem harten, dabei zackig-tanzbaren Sound Legionen von Bands beeinflusst. Von den Red Hot Chili Peppers über The Jesus Lizard bis zu Franz Ferdinand, um nur einige zu nennen. Heuer erschien nach längerer Schaffenspause das Album Content, mit dem Song You'll Never Pay For The Farm daraus eröffnete der Vierer, der mit King und Gill nur noch zwei Gründungsmitglieder stellt.

An dem Song ist nichts schlecht, er steht prototypisch für den oft kalten Funk genannten Sound von Gang Of Four. Aus Gills Physiognomie war nicht abzulesen, ob er mehr als nur körperlich anwesend war, den beiden Leiharbeitern am Bass und am Schlagzeug war mangelnder Einsatz nicht zu unterstellen. Verhaltener Zuspruch im Publikum, der die erste halbe Stunde nicht größer werden sollte. Und als Gill seine Gitarre irgendwann zu Boden warf und kickte, war nicht klar, ob diese Tritte nicht eigentlich dem Publikum zugedacht waren.

Gegen Ende heiterte sich die Stimmung ein wenig auf, Klassiker wie I Love A Man In Uniform oder At Home He's A Tourist waren hilfreich, den Abend retten konnten sie nicht.  (Karl Fluch / DER STANDARD, Printausgabe, 30.9.2011)