Wien - Ein 47-jähriger Wiener, der im Juli 2002 versucht hatte, nachts ein damals 17 Jahre altes Mädchen zu kidnappen und in einen von ihm betriebenen SM-Club zu bringen, wo er eine "reale Vergewaltigung" erleben wollte, ist am Dienstag im Straflandesgericht zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Die von der Rechtsvertreterin der jungen Frau geforderte Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher blieb ihm erspart. Der Schöffensenat stützte sich dabei auf ein psychiatrisches Gutachten, demzufolge der Mann derzeit nicht mehr gefährlich genug sein soll, um ihn nach Verbüßung der über ihn verhängten Strafe in einer geschlossenen Anstalt anzuhalten.

Die ehemalige Freundin des Mannes, die ihn bei dem geplanten Sexualverbrechen tatkräftig unterstützt hatte, wurde als Beitragstäterin zu zwei Jahren bedingt verurteilt. Die mittlerweile 28-jährige Frau nahm ihr Urteil an. Der SM-Studio-Besitzer, der überdies schuldig erkannt wurde, seinem Opfer 25.000 Euro an finanzieller Wiedergutmachung zu bezahlen, legte Nichtigkeitsbeschwerde und Berufung ein.

Passant eilte Mädchen zu Hilfe

Die zum Tatzeitpunkt 19-Jährige hatte das unwesentlich jüngere Mädchen um 3.30 Uhr an einer Nachtautobus-Haltestelle angesprochen und zu dem Auto gelockt, in dem der Sexclub-Betreiber wartete und die 17-Jährige in seinen Pkw zerren wollte, als diese den Wagen erreicht hatte. Die beabsichtigte Entführung scheiterte nur deshalb, weil ein Passant, der seinen Hund äußerln führte, die Hilferufe des Mädchens hörte und beherzt eingriff, als der 47-Jährige Mann mit einer ein Kilogramm schweren Taschenlampe auf die sich zur Wehr setzende 17-Jährige einschlug.

Geständnis

Der Angeklagte hatte in der Verhandlung ein freimütiges Geständnis abgelegt: "Irgendwann wurde der Gedanke geboren, dass wir real eine Vergewaltigung erleben wollen. In weiterer Folge sind wir mindestens zehn, 15 Mal durch Wien gefahren. Mir war etwas mulmig bei der Sache, aber geplant war, dass wir ein Mädchen gefügig machen, um uns beide mit ihr gegen ihren Willen zu amüsieren."

Der Plural bezog sich auf die 19-Jährige, die als "Miss Jacqueline" in dem SM-Club tätig war und mit dem Chef ein sexuelles Verhältnis unterhielt. Der 47-Jährige behauptete, die 19-Jährige habe ihn "immer wieder traktiert", nach einem geeigneten Opfer zu suchen, um den "Kick" einer nicht gestellten Vergewaltigung zu erleben.

Im Zuge des Falls Kampusch entdeckt

Auf den erhebliche Zeit zurückliegenden Kriminalfall war man im Zusammenhang mit dem Fall Kampusch gestoßen. Nachdem das Innenministerium eine Evaluierungskommission eingesetzt hatte, wurden vom Bundeskriminalamt neuerliche Erhebungen getätigt, um mögliche Querverbindungen des Kampusch-Entführers Wolfgang Priklopil bzw. seines Bekanntenkreises zur Kinderporno- bzw. SM-Szene zu überprüfen.

Im Zuge dieser Ermittlungen stieß man dank eines Hinweises auf den 47-jährigen Club-Betreiber. Mit der Causa Kampusch hatte dieser Fall aber unmittelbar gar nichts zu tun. Im gesamten Akt fand sich kein einziger Hinweis, der in diese Richtung gedeuten hätte.

Gutachten

Die Staatsanwaltschaft hatte zwar eine tat- und schuldangemessene Strafe, nicht aber die Einweisung des Mannes in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher verlangt. Grund dafür war ein psychiatrisches Gutachten der Sachverständigen Gabriele Wörgötter, die dem Angeklagten zwar eine schwere Persönlichkeitsstörung bescheinigte, die einer seelisch-geistigen Abartigkeit gleichkomme. Wörgötter ging jedoch nicht davon aus, dass der 47-Jährige unter dem Einfluss seiner Störung weitere Straftaten mit schweren Folgen begehen wird.

Dies begründete die Sachverständige damit, der Mann habe seit der inkriminierten Tat keine strafbaren Handlungen mehr gesetzt. Die Gefährlichkeitsprognose sei folglich nicht derart hoch einzuschätzen, um damit zusätzlich zu einem allfälligen Schuldspruch eine zeitlich unbefristete Anhaltung in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher auszusprechen.

Opfer-Anwältin: "Nicht nachvollziehbar"

Für Opfer-Anwältin Eva Plaz waren Wörgötters Feststellungen "nicht nachvollziehbar", da die Gutachterin zahlreiche ungünstige Faktoren beim 47-Jährigen vorgefunden hätte: eine sexuell deviante Motivation, den früheren Drogenmissbrauch, eine verminderte selbstkritische Auseinandersetzung mit der inkriminierten Tat, eine reduzierte Empathiefähigkeit sowie eine verminderte Verhaltenskontrolle.

Plaz zeigte sich davon überzeugt, dass beim Angeklagten in Wahrheit sämtliche Voraussetzungen für eine Einweisung vorliegen. Sie forderte daher das Gericht auf, den Mann gemäß §437 Strafprozessordnung (StPO) ohne entsprechenden Antrag der Anklagebehörde zum Schutz der Gesellschaft in eine geschlossene Anstalt einzuweisen, da ansonsten "so, wie er ist, ein Sadist wie aus dem Bilderbuch wieder freigelassen wird". (APA)