Der Mann soll jetzt erst einmal arbeiten. Das sagt und schreibt bzw. hört und liest man, wenn jemand ein Amt antritt. Jeder verdient eine Chance - auch so ein Stehsatz. Sei's in der Politik, in der Wirtschaft, sei's in der Kultur oder im Sport. Speziell No-Names profitieren von der oftzitierten Schonfrist. Marcel Koller, der neue Fußball-Teamchef Österreichs, ist ein solcher und mag von einer solchen profitieren. Hierzulande jedenfalls hatte niemand mit seinem Engagement gerechnet. Der Schweizer war zu Beginn dieses Jahrtausends in seiner Heimat zweimal Meister, danach mit mäßigem bis wechselndem Erfolg bei deutschen Mittelständlern tätig. Seit September 2009, da sich Bochum von ihm trennte, wartete er quasi auf den Anruf von Leo Windtner.

Windtner hat sich vor kurzem tatsächlich gemeldet. Mit Kollers Verpflichtung ist dem Präsidenten des österreichischen Fußballbunds (ÖFB) eine Überraschung gelungen, immerhin. Man soll das nicht kleinreden, der österreichische Fußball überrascht selten genug. Windtner war Anfang 2009 angetreten, er konnte nichts für den 69-jährigen Teamchef Karel Brückner, den hatte noch sein Vorgänger Friedrich Stickler aus der Pension geholt. Mit der Trennung von Brückner, der weder nach Österreich übersiedeln noch die Trainer der Bundesligavereine kontaktieren wollte, hängte sich Windtner das Image eines Machers um. Dass Dietmar Constantini ("Taktik ist generell überbewertet"), den er zum Teamchef machte, eine Fehlbesetzung war, wurde im Verlauf der verpassten EM-Qualifikation deutlich. Pech gehabt, soll sein. Österreichische Teamchefs können per se schon keine Erfolgsgaranten sein. Die letzte WM-Teilnahme liegt 13 Jahre zurück, noch nie hat sich das Team für eine EM qualifiziert.

Sportliche Funktionen in Österreich werden bis hinauf in die höchsten Ebenen auf ehrenamtlicher Basis bekleidet. Windtners Brotjob lautet Generaldirektor der Oberösterreich Energie AG. Für die Funktion des ÖFB-Präsidenten hatte er zunächst abgesagt, weil nicht genügend Zeit. Erst eine Reform der Strukturen im Fußballbund ließ ihn umdenken. "Man hat dieselbe Verantwortung, aber weniger Arbeit."

Weniger ist manchmal, aber sicher nicht automatisch mehr. Als Windtner ursprünglich den schon verabschiedeten Constantini noch zweimal auf die Trainerbank setzen wollte, hatte das mit Krisenmanagement nichts mehr zu tun. Auch die Koller-Präsentation ist misslungen. Am Tag vor der Vorstellung hatte Windtner alle Mitwisser zu Stillschweigen verpflichtet. Die Hoffnung, es würde nichts an die Öffentlichkeit dringen, überschritt die Grenze zur Naivität. Kurz nach dem Beschluss und lange vor der Präsentation war die Katze aus dem Sack. Eine ÖFB-Peinlichkeit.

Auf den ersten Blick mag nicht viel für Koller sprechen. Erst einmal arbeiten wird man ihn natürlich lassen, doch dass ihm ein starker Sportdirektor (Willi Ruttensteiner) zur Seite stehen soll, stärkt ihn selbst eher nicht. Vorschusslorbeeren bringt er keine mit, seine Westentasche kennt er besser als den österreichischen Fußball. Der deutschen Sprache ist er natürlich mächtig, freilich sagt es schon einiges aus über den österreichischen Fußball, dass dies eine mitzubringende Voraussetzung war. Mit Erfolgen würde Koller auch das ÖFB-Präsidentenansehen aufpolieren. Im Misserfolgsfall wäre der Ansehensrest dahin. Und Windtners Schonfrist abgelaufen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe 5.10. 2011)