"Haben Sie keine Angst", beruhigte Frankreichs legendärer Komiker Coluche, "wir sind nicht von der Polizei." Auch Michel Neyret, ein landesweit bekannter Freund und Helfer, macht niemandem mehr Angst: Der bekannte "Super-Flic", wie ihn französische Medien früher nannten, sitzt hinter Gitter. Dem 55-jährigen Vizechef der Kriminalpolizei von Lyon werden sechs Delikte zur Last gelegt, darunter Drogenhandel, Korruption und Bandenbildung.

Innenminister Claude Guéant sprach am Dienstag von einem "Trauma für die nationale Polizei". Denn Neyret ist nicht irgendwer. Der joviale Dreitagebartträger galt als einer der erfolgreichsten Verbrechensbekämpfer Frankreichs. Er buchtete Drogenbosse im Dutzend ein, enttarnte Islamistennetze und setzte eine brutale Bande von Schmuckräubern fest. 2004 erhielt er dafür den Orden der Ehrenlegion, und zur Begründung erklärte der Polizeidirektor: "Der charismatische Michel Neyret hat den Stil des ehrenwerten Flics geprägt. Er sicherte sich sogar den Respekt der Banditen."

Fehler

Aufgeflogen ist der Gesetzeshüter wegen eines kleinen Fehlers: Als die Kripo nach monatelanger Beschattung das Nest einer Drogenbande aushob, fand sie 110 Kilo Kokain, aber keine Spur von den Tätern. Sie hatten offensichtlich von höchster Stelle einen Wink erhalten. Interne Ermittler begannen ein paar Kollegen telefonisch abzuhören, bis sie zu ihrem Erstaunen bei Neyret selbst Erfolg hatten. Er wurde mit drei Untergebenen verhaftet. Verfolgt wird auch seine Gattin, die verdächtigt wird, das von ihr geführte Hotel in ein Luxusbordell verwandelt zu haben.

Neyret gesteht laut Anwälten "Unvorsichtigkeiten". So steuerte der Lebemann an der Côte d'Azur gerne Ferraris und Rolls Royce, die ihm lokale Zuhälter zur Verfügung stellten. Einzelne Drogenspitzel will er mit einem Teil der sichergestellten Ware entlöhnt haben. Die Staatsanwaltschaft verdächtigt den Ober-Flic aber, einen regen Drogenhandel aufgezogen zu haben. Sie hinterfragt sogar seinen größten Coup, die Verhaftung des Geldtransporteurs Tony Musulin im Jahre 2009: Von über elf Millionen Euro sind bis heute nur acht Millionen aufgetaucht. Musulin behauptet, die Polizei habe das Geld an sich genommen.

Erpressung und Glücksspiel

Nicht alle Franzosen teilen die Bestürzung der Regierung und Polizei über Neyrets Sturz. In den Medien dominieren sarkastische Kommentare über den "ripou". Das ist Silbenumkehr-Slang für "pourri", was so viel heißt wie korrupt oder verdorben. In "Les Ripoux", einem der bekanntesten Gangsterfilme Frankreichs, spielte Philippe Noiret 1984 einen korrupten Flic, der sein Leben im Pariser Montmartre-Quartier zwischen Dirnen, Pferdewetten und kleinen Erpressungen fristet.

Neyret selbst beriet immer wieder Regisseure beim Drehen von Gangster- und Ripoux-Filmen. So auch bei "Les Lyonnais", einem Streifen über die gleichnamige Einbrechergang, der Ende des Jahres in die Kinos kommen soll. Neyret half mit, den Realitätsgehalt des Films zu steigern. Nun dürfte er ihn aus der Zelle sehen müssen. (Stefan Brändle aus Paris/DER STANDARD-Printausgabe, 5.10.2011)