Auch wenn die Übernahme der Essener WAZ-Gruppe durch den Springer-Konzern kein realistisches Szenario sein dürfte, wird dadurch eine mögliche Filetierung des WAZ-Konzerns wahrscheinlicher. In jedem Fall dürfte der Preis für die WAZ-Anteile in die Höhe getrieben werden, hieß es am Dienstag in der deutschen Medienszene. Deutsche Zeitungen gehen davon aus, dass kein Kartellamt den Verkauf aller WAZ-Zeitungen an Springer genehmigen würde, die von Springer-Chef Matthias Döpfner gebotene Summe von 1,4 Mrd. Euro daher auch nicht mehr als eine Zahl sei.

Mit dem Angebot treibe Springer aber die Kaufsummen für die WAZ-Anteile in die Höhe, was die Bereitschaft, für einen guten Preis Einzelteile des WAZ-Konzerns an Springer abzutreten, etwa die Beteiligungen an "Kronen Zeitung" und "Kurier" in Österreich, wachsen lassen könnte, so deutsche Medienberichte. Das Springer-Angebot wurde mitten in ohnehin anstehende Änderungen der WAZ-Eigentümerstruktur platziert. Bisher gehört der Essener Konzern jeweils zur Hälfte den Erben der beiden Unternehmensgründer Erich Brost und Jakob Funke. Die Enkel Brosts wollen ihren 50-Prozent-Anteil verkaufen, wofür Funke-Erbin Petra Grotkamp 470 Mio. Euro geboten haben soll. Springer hat für das Paket nun de facto 700 Mio. geboten.

Filet-Stücke

Daneben werden auch Summen für einzelne Filet-Stücke des WAZ-Konzerns kolportiert. 200 Mio. Euro böte Döpfner demnach für die 50-Prozent-Beteiligung an der "Kronen Zeitung", die Springers paneuropäische Boulevardzeitungsgruppe gut ergänzen würde. Weitere 90 Mio. wären ihm die Programm- und Frauenzeitschriften der WAZ ("Die Aktuelle", "Das Goldene Blatt") wert, und 150 Mio. würde er für die WAZ-Anzeigenblätter zahlen. In Summe würde Springer für diverse Blätter und Online-Unternehmungen 800 Mio. Euro bieten.

Unterm Strich würde das Springer-Offert für Konzernteile den Brost-Erben also 400 Mio. Euro einbringen. 70 Mio. weniger als sie von Grotkamp für das gesamte 50-Prozent-Paket bekämen. Allerdings bliebe den WAZ-Eigentümern dann noch immer das wegen kartellrechtlicher Bedenken nicht an Springer verkäufliche Zeitungspaket mit den vier Titeln im Ruhrgebiet: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Neue Rhein Zeitung, Westfälische Rundschau und Westfalenpost. Deutsche Zeitungen schätzen dieses Paket auf einen Wert zwischen 300 und 500 Mio. Euro. Hochgerechnet scheinen Grotkamps 470 Mio. Euro für die halbe WAZ-Gruppe im Vergleich dazu etwas mickrig, wird in deutschen Zeitungen argumentiert.

"Prüfet alles und behaltet das Beste"

Auch wenn sich Grotkamp vehement gegen einen Verkauf an Springer ausgesprochen hat, könnte die Springer-Offerte das ursprüngliche Grotkamp-Angebot in die Höhe treiben, was die Bereitschaft zur Abgabe von Auslandsbeteiligungen wachsen lassen könnte. Peter Heinemann, Anwalt der Brost-Erben, hat jedenfalls bereits angedeutet, dass er für den von ihm vertretenen Zweig der WAZ-Eigentümer das Maximum erreichen wolle. "Prüfet alles und behaltet das Beste", erklärte Heinemann unter Verweis auf ein Bibel-Zitat. (APA)