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Beim Einsturz eines Gebäudes in Barletta starben fünf junge Frauen, darunter die Tochter eines Unternehmers. Er soll in dem Haus eine illegale Fabrik mit zwölf Mitarbeiterinnen betrieben haben.

Foto: dapd

Der Einsturz eines zweistöckigen Wohnhauses in der apulischen Stadt Barletta hat in Italien heftige Polemiken ausgelöst. Staatspräsident Giorgio Napolitano fordert schonungslose Aufklärung über die Ursachen der Tragödie, bei der am Montag fünf junge Frauen ums Leben gekommen sind. Bewohner des Hauses hatten wenige Tage vor dem Einsturz des Gebäudes im Bauamt der Stadt über zunehmende Risse in den Wänden geklagt, waren jedoch von Experten beruhigt worden. Das Gebäude sei keineswegs gefährdet. Im Untergeschoß befand sich ein illegaler Textilbetrieb.

Zu den Opfern der "angekündigten Tragödie" gehört die 37-jährige Tina Ceci. Sie hatte mit dem Handy verzweifelt ihre Mutter um Hilfe gebeten: "Ich liege unter Trümmern und bin eingeschlossen. Rettet mich, um Himmels willen!" Für den Nachmittag wollte Tina mit ihrer Mutter ein Hochzeitskleid kaufen gehen. "Sie hat für einen Stundenlohn von 3,95 Euro in dieser Fabrik geschuftet, um sich eine Existenz zu schaffen", schildert die Mutter unter Tränen.

Illegaler Betrieb

Was als Fabrik bezeichnet wird, ist ein feuchtes Untergeschoß, in dem ein Dutzend Frauen Trainingsanzüge und Blusen billiger Qualität nähten. Hat den illegale Betrieb mitten in der Stadt niemand wahrgenommen? "Wir haben dort einen jener schwarzen Betriebe vermutet, von denen es hier wimmelt. Hier ist fast jeder Arbeitsplatz prekär", sagt Gewerkschafter Franco Corcella.

Der Schauplatz der Tragödie erinnert stark an Roberto Savianos Bestseller Gomorrha, wo unterbezahlte Arbeitskräfte unter Aufsicht der Camorra in illegalen Schneidereien Kleider für renommierte Modeschneider fertigen. Seit Jahren ist bekannt, dass in Apulien tausende afrikanische Arbeiter bei der Tomatenernte wie Sklaven gehalten und mit einem Stundenlohn von zwei Euro bezahlt werden. Fast drei Millionen Menschen leben im Süden Italiens von Schwarzarbeit, die Schattenwirtschaft wirft jährlich rund 275 Milliarden Euro ab. Die jährliche Steuerhinterziehung wird auf 120 Milliarden geschätzt.

"Niemanden kriminalisieren"

Aber: "Warum wurde das einsturzgefährdete Gebäude nicht geräumt? Warum konnte das Nachbargebäude ohne zusätzliche Sicherung abgerissen werden? Wo waren die Behörden, denen die Kontrollen oblagen?", fragt der Corriere della Sera. Doch Barlettas linker Bürgermeister Nicola Maffei will "niemanden kriminalisieren, der sich in dieser Krisensituation nicht an die Vorschriften hält". Ihm erscheint es "paradox, einen Unternehmer wegen Schwarzarbeit anzuzeigen, der in dieser Tragödie seine 14-jährige Tochter und seinen Betrieb verloren hat."

Für die Beerdigung der fünf jungen Frauen kommt die Region Apulien auf. Antworten auf ihre bangen Fragen bekommen die Überlebenden und ihre Kinder nicht. Die Regierung im fernen Rom hat Wichtigeres zu tun. Sie bastelt zum wiederholten Mal an einem Gesetz, das den Abdruck von Telefonmitschnitten untersagen soll. (Gerhard Mumelter aus Rom/DER STANDARD-Printausgabe, 6.10.2011)