Sollten Sie den Wunsch verspüren, die jüngsten Enthüllungen aus der Kärntner Landespolitik nachvollziehen zu können, dann stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie haben soeben mit der Bitte, Ihnen vom Fleischhauer ums Eck eine Wurstsemmel zu besorgen, einem Kollegen Ihre Brieftasche in die Hand gedrückt. Nach einem Blick in selbige meint der Kollege, dass deren Inhalt kaum reichen wird, da eine Wurstsemmel 120 Euro koste, was im Übrigen "eine Okkasion" und eine "wirkliche Ersparnis" für Sie sei. Kurz darauf kommt er strahlend lächelnd zurück und erklärt, dass es ihm gelungen sei, beim Fleischhauer einen "Patriotenrabatt" auszuverhandeln und er deshalb nur 60 Euro bezahlen musste.

Ihre Frage, wann denn nun die Pointe dieses vermeintlichen Scherzes komme, beantwortet er mit der Vorlage verschiedener von Universitätsprofessoren und Wirtschaftsprüfern erstellter Gutachten, in denen 60 Euro als angemessener Preis für eine Wurstsemmel bezeichnet wird. Dazu überreicht er Ihnen Ihre leere Brieftasche. Sie rasen zum Fleischer ums Eck, der die Geschichte bestätigt und Ihren an ihn gerichteten Vorwurf, mit dem Kollegen unter einer Decke zu stecken, brüsk zurückweist, was gleichermaßen eine Beleidigung Ihrer Intelligenz so wie der Ihres Kollegen darstellt.

In Kärnten heißt der Fleischhauer Dietrich "Birni" Birnbacher, Ihr Kollege ist eine Personalunion aus Jörg Haider, ÖVP-Obmann Josef Martinz und den FPK-Politikern Harald Dobernig und Uwe Scheuch, und Sie sind der österreichische Steuerzahler, in dessen Börsel leider nicht nur 60, sondern sechs Millionen Euro fehlen. Und noch einen Unterschied gibt es: In Kärnten haben Sie nicht einmal die Wurstsemmel bekommen. Das erste unabhängige Gutachten eines deutschen Prüfers stellt nämlich bezüglich der sechs Millionen Euro teuren Aktivitäten Birnbachers beim Verkauf der Kärntner Hypo ausdrücklich fest: "Anhaltspunkte dafür, dass überhaupt Leistungen erbracht wurden, sind den Akten nicht zu entnehmen."

Dass sich angesichts dieser Tatsachen Josef Martinz in der Vorwoche mit Unterstützung der FPK als Aufsichtsratsvorsitzender der Landesholding bestätigen ließ, anstatt über eine ab Jänner mögliche verordnete räumliche Nachbarschaft mit Uwe Scheuch nachdenken zu müssen, lässt die Vermutung aufkommen, dass Birnbachers monumentale Chuzpe ansteckend ist. Ein weiteres Indiz dafür lieferte der vorletzte Sonntags- Kurier, für den ausgerechnet jener Gutachter, der gegen fürstliche Bezahlung die strafrechtliche Unbedenklichkeit der Birnbacher-Gage behauptet hatte, einen Gastkommentar verfasste, in dem er "die Käuflichkeit der Medien" und deren "Korrumpierbarkeit" geißelt.

"Birni" selbst meint übrigens auf die Frage, ob er auch mit einem niedrigeren "Honorar" zufrieden gewesen wäre: "Ja, aber mich hat niemand gefragt." Dass sich der Villacher Steuerberater da nicht selbst zu Wort gemeldet hat, ist offensichtlich dem über seinem Schreibtisch hängenden Wahlspruch geschuldet: "Dem Anständigen das Anständige raten". Als sich Haider und Martinz mit ihm über seine Bezahlung berieten, war die Voraussetzung für die Anwendbarkeit dieses Spruchs leider nicht gegeben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.10.2011)