Was in Ägypten momentan zu beobachten ist, sind die äußerlichen Symptome eines Zusammenbruchs. Was durch eine politische Zwangsjacke gerade noch zusammengehalten wurde, zerbröselt: das alte gesellschaftliche Gefüge, das minimale Vertrauen in die Institutionen und den Staat, der früher wenn schon nicht für Recht, so doch für Ordnung sorgte. Der Tahrir-Platz hat die Ägypter gelehrt, dass sie ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen können. Aber dass nach dem Abgang Hosni Mubaraks auf der anderen Seite erst etwas aufgebaut werden muss, neue Strukturen, die der neuen Situation gerecht werden, das ist die schwierigere Lektion. Der lange hochgejubelte Militärrat hat darin völlig versagt.

Die Wut der Frustrierten, deren Lebensumstände schlechter denn je sind - Ägypten ist fast pleite -, entlädt sich gegen vermeintliche Störenfriede, umso mehr, wenn diese Rechte einfordern, die gegen die Mehrheitswünsche gehen. Wie eine Kirche zu bauen.

Tausende Kopten haben seit dem Umsturz Ägypten verlassen - und mehr wurden umgebracht als in jedem anderen Jahr. Der provisorischen Regierung fällt nichts anderes ein, als eine "Verschwörung" als Erklärung heranzuziehen - Schuld ist natürlich das alte Regime. Aber erfundene Konflikte können einer Gesellschaft nicht aufgestülpt werden. Sie sind da und brechen aus, wenn der gesellschaftliche Kitt zerbröckelt. Das ist nicht nur in Ägypten so. (DER STANDARD-Printausgabe, 11.10.2011)