Linz/Wien - Europas Stahlhersteller bekommen die Folgen der unsicheren Finanzmarktlage zu spüren und müssen sich bereits auf eine maue Preisrunde einstellen. "Steigende Preise sind fürs Erste nicht zu erwarten", sagte voestalpine-Chef Wolfgang Eder im Interview mit der "Financial Times Deutschland" (Mittwoch-Ausgabe). Anders als in früheren Jahren habe sich die Nachfrage im September nicht belebt. "Die Verunsicherung der Konsumenten durch die Schuldenkrise beginnt die Realwirtschaft zu beeinträchtigen", warnt Eder im Vorfeld der Weltstahlkonferenz, die heute, Mittwoch, in Paris beginnt.

Besonders betroffen sei die Haushaltsgeräteindustrie. Der Preisverfall am Spotmarkt könnte sich aber auch auf die bevorstehenden Verhandlungen mit Autoherstellern über längerfristige Verträge auswirken. Allzu großen Druck auf die eigene Marge erwartet er dennoch nicht, da auch die Rohstoffkosten in den nächsten Wochen erstmals seit Längerem sinken würden. 

Produktionskürzung möglich

Aangesichts der Euro-Schulden-Krise denkt über eine Kürzung seiner Produktion nach. Eine Entscheidung über eine Verringerung des Ausstoßes um zehn Prozent ab kommendem Jahr solle Mitte November fallen, sagte er.

Der Chef des fünftgrößten europäischen Stahlherstellers räumt damit ein, dass die Staatsschuldenkrise schon in Teilen der Investitionsgüterindustrie angekommen ist. Dagegen führen viele Konkurrenten die nachlassende Dynamik bisher ausschließlich auf die üblichen Schwankungen durch hohe Lagerhaltungen der Kunden zurück. Mit rund 11 Mrd. Euro Umsatz rangiert die voestalpine zwar im Weltmaßstab unter den kleineren Herstellern. Der Konzern ist jedoch auf Nischen spezialisiert und liegt mit einer operativen Marge von mehr als zehn Prozent weit über dem Branchenschnitt.

Stagnierende Produktion

Wegen der zunehmenden Unsicherheit erwartet Eder in den 27 EU-Mitgliedsstaaten in den nächsten beiden Jahren nur noch eine stagnierende Stahlproduktion. Für seinen eigenen Konzern wappnet sich Eder für die verschiedensten Krisenszenarien mit Notfallplänen - der negativste kalkuliert mit einer Auslastung von nur noch 60 Prozent. Davon ist die voestalpine allerdings weit entfernt: Bis Weihnachten seien die eigenen Kapazitäten noch zu 100 Prozent ausgelastet, sagte Eder.

Sollte sich die Situation verschlechtern, werde das Management bis Mitte November entscheiden, ob die Produktion im ersten Quartal 2012 gedrosselt werden muss. Selbst die Wahrscheinlichkeit, dass die voestalpine den Ausstoß um rund zehn Prozent reduziert, beziffert Eder aus heutiger Sicht nur mit 50 Prozent. Gerade bei Grobblechen, etwa für Öl- und Gaspipelines, oder auch in der Autoindustrie, die vom Wachstum in den Schwellenländern profitiert, zeichne sich noch keine Schwäche ab.

Unabhängig von der aktuellen Krise rechnet Eder für Europas Stahlindustrie in den nächsten 15 bis 20 Jahren mit einem tiefgreifenden Wandel. Nach seiner Prognose wird sich in den 15 Kernländern der EU die jährliche Stahlproduktion von 130 auf nur noch etwa 65 Millionen Tonnen halbieren. Die andere Hälfte, vor allem einfachere Qualitäten, werde wegen der niedrigeren Produktionskosten nach Osteuropa abwandern. "Das wird ein schmerzvoller Prozess", sagte Eder.(APA)