Wien - Die Stadt ist voll von Geschichtsgespenstern. Weniger ein Krankenhaus-Kingdom à la Lars von Trier als gerade heute wieder ein Sanatorium für allerlei Gedächtnisgebrechen. Mehr als anderswo darf das Denkmal in Wien kein totes Objekt sein.

Das Tanzquartier Wien (TQW) versucht in seiner diesjährigen "Factory Season" im Mai und Juni "Stadt und Körper in Bewegung" zu setzen und punktuell einiges von "Damals" wieder in Erinnerung zu choreografieren.

Im ersten von vier Parcours des von der jungen Theaterwissenschafterin Nicole Haitzinger kuratierten DenkMal-Projekts schickte die Salzburgerin Claudia Heu ihr Publikum auf literarische Audiotouren durch die Stadt. Der Autor Stephan Templ nahm eine Gruppe von Interessierten zu einem Rundgang durch das Naschmarktviertel mit und zeigte zahlreiche Immobilien, die ihren jüdischen Besitzern 1938 im Zug der NS-Arisierungen geraubt wurden.

Der Zeitgeschichtler berichtete dabei auch, wie man hierzustadt mit atemberaubenden juristischen Tricks versuchte, zahlreichen Geschädigten die Rückgabe ihres Eigentums zu verweigern.

Die Künstlergruppe Superamas setzte im Ahnensaal der Hofburg dem Tourismus ein sarkastisches Videodenkmal mit Volkswagen-Werbung, und der Politperformer Dieter Rehberg demonstrierte plakativ, wie zynisch in Kriegen auf den Körper "gespuckt" wird.

Am Samstag folgt nun Parcours Nummer zwei: mit einer Performance des russischen Tänzers und Schauspielers Andrei Andrianov im Flakturm-Depot des MAK im Arenbergpark, einer Denkmal-Fütterung der Wiener Choreografin Andrea Bold und einem Forschungsbericht "Memento Mozart 2006" des begnadeten historischen (Irre-)Führers Hans-Peter Litscher.

Die Kunsthistorikerin Irene Nierhaus wird in einem Vortrag die "nationale" Körperlichkeit von Medial- und Denkmalfiguren erörtern. Die beiden weiteren Parcours folgen in Abständen von je zwei Wochen und bringen etwa Begegnungen mit dem deutschen Choreografen Thomas Plischke, der bosnischen Regisseurin Jasmila Zbanic und dem Theater im Bahnhof. Das Vorurteil, Tanz hätte mehr mit Springen als mit Denken zu tun, ist durch dieses spannende Projekt wieder einmal gründlich widerlegt. (DER STANDARD, Printausgabe vom 31.5./1.6.2003)