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Teamchef Lievremont ist gar nicht nett zu seinen Spielern.

Foto: AP/ Christophe Ena

Auckland - Im vergangenen Sommer hatten Frankreichs Fußballer bei der WM in Südafrika für einen Skandal gesorgt. Ähnlich machten es Les Bleus nun bei der Rugby-WM. Doch im Gegensatz zu den Kickern zogen sich die Rugbyspieler zunächst selbst aus dem Sumpf und erreichten mit einem 19:12 gegen England das Halbfinale, in dem am Samstag Außenseiter Wales wartet. Um den zweiten Finalplatz spielen Topfavorit Neuseeland und Australien.

Die Demütigung der Franzosen fand vor zwei Wochen in der Vorrunde gegen das Pazifikkönigreich Tonga statt und hallt nach. Nach dem 14:19 meuterte das Team gegen den Trainer, verweigerte einen gemeinsamen Abend. Der Coach wiederum attackierte seine Mannen in den Medien.

"Voriges Jahr haben wir die Fußballer noch ausgelacht. In gewisser Weise sind wir aber auch nicht aus dem Bus gekommen", sagte Nationaltrainer Marc Lievremont in Anspielung auf die Revolte der Fußballer bei der WM 2010, als die Mannschaft im Bus einen Trainingsstreik gegen Teamchef Raymond Domenech inszenierte. "Einige vergleichen mich mit Domenech. Sie müssen aber wissen, dass ich enormen Respekt vor ihm habe", sagte Lievremont (42), der jedenfalls nach der WM aufhört.

Gradlinig nennen ihn seine wenigen Anhänger, unfähig die zahlreichen Kritiker. In jedem Fall spart Lievremont nicht mit Kritik, schon gar nicht an seinen Spielern. Im März 2011, als man im Rahmen der Six Nations (der inoffiziellen EM) gegen Italien verlor, warf der Sohn eines Berufssoldaten seinem Team indirekt Feigheit vor. Und in Neuseeland, als Les Bleus erstmals in ihrer Geschichte zwei Vorrundenspiele verloren, setzte es wieder verbale Ohrfeigen. "Schulbubenverhalten" attestierte Lievremont seinen Spielern nach dem 17:37 gegen Neuseeland. Bei der Blamage gegen Tonga habe er "jeden Fehlpass, jedes verfehlte Tackling als persönliches Versagen" empfunden. Der Mannschaft fehle es an "Gruppendynamik", zudem seien die Spieler "vielleicht nicht so talentiert, wie ich gedacht hatte".

Der Gegenentwurf zu den krisengeplagten Franzosen ist Wales, das den größten Erfolg schon jetzt erreicht hat. Denn der WM-Dritte 1987 wurde von der britischen Presse zum Vorbild für das englische Team erhoben. Als "stumpfsinniges, deprimierendes Spektakel" bezeichnete The Sun Englands Aus. Der Viertelfinal-Erfolg der Waliser gegen Irland sei hingegen ein "hochoktaniger Hochgeschwindigkeits-Thriller" gewesen. England und Frankreich droht also allerhand, wenn es die Dragons auch noch ins Finale schaffen sollten. (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 14. Oktober 2011, sid, bez)