Wien - Die Stadt Wien hat die Frist, in der sich Opfer von Gewalt und Missbrauch in städtischen Heimen oder Privateinrichtungen unter städtischer Aufsichtspflicht melden können, verlängert: Betroffene können sich noch bis 31. Oktober rühren. Die ursprüngliche Deadline war 30. Juni. Der Grund für die Ausweitung: Auch nach Ablauf der Frist haben sich Personen gemeldet. "Die wollen wir nicht nach Hause schicken, sondern auch ins Projekt nehmen", begründete Marianne Gammer, Geschäftsführerin des Weißen Rings am Freitag diesen Schritt.

Bis vergangenen Mittwoch haben 343 Personen mit dem Weißen Ring Kontakt aufgenommen. "231 Fälle sind bisher im Gremium behandelt worden", berichtete Gammer. In der nächsten Sitzung am kommenden Mittwoch sollen weitere 47 Fälle geprüft werden. Der Weiße Ring ist für die Abwicklung der Hilfeleistungen zuständig. Wann alle Fälle besprochen sein werden, ist offen: "Wir bemühen uns und haben nach wie vor alle Ressourcen geballt, um möglichst rasch fertig zu werden." Insgesamt hat die Stadt 5,8 Mio. Euro für Hilfeleistungen bereitgestellt.

173 Opfer wurden bisher finanzielle Entschädigungen zugesprochen. Bei der Höhe der Summe orientiere man sich an der gängigen Judikatur für Schmerzensgeldzahlungen, so die Geschäftsführerin. Dort seien 5.000 Euro für leichte, 15.000 Euro für mittlere und 25.000 schwere Gewaltübergriffe veranschlagt. In 42 Fällen habe es hingegen keine Leistungen gegeben. Diese Betroffenen wollten laut Weißer Ring nur sprechen oder anonym bleiben bzw. wurden an andere Anlaufstellen wie etwa die Unabhängige Opferschutzanwaltschaft vermittelt. 148 Personen nehmen laut Weißer Ring außerdem psychologische Betreuung oder Therapien in Anspruch.

Vorwiegend Männer

Bei den 173 Personen, denen eine finanzielle Entschädigung zugesprochen wurde, handelt es sich vorwiegend um Männer (67 Prozent). 35 Prozent der Betroffenen seien zwischen 40 und 50 Jahre alt, 33 Prozent zwischen 50 und 60. Ein Fünftel war mehr als 60 Jahre alt. Zwölf Prozent waren jünger als 40.

Der Weiße Ring verfügt außerdem über eine Auswertung, welche Einrichtungen, in denen Betroffene Gewalt erfahren haben, besonders häufig genannt wurden: Das Heim auf der Hohen Warte kam auf 35 Nennungen, jenes in Eggenburg auf 31, in Hütteldorf auf 29 und am Wilhelminenberg auf 26 Nennungen. Die Einrichtung in Biedermannsdorf und das Julius-Tandler-Heim wurden jeweils 22 Mal angegeben.

Die Vorfälle, die nun aufgearbeitet werden, liegen schon lange zurück. Seit der Heimreform im Jahr 2000 gibt es in der Bundeshauptstadt keine Großheime mehr. Die Kinder werden nunmehr in Wohngemeinschaften untergebracht. Derzeit leben rund 1.500 Kinder in solchen WGs. Zudem wurden auch Krisenzentren geschaffen. Dort werden Kinder und Jugendliche laut Jugendamt vorläufig untergebracht, wenn der Schutz in der Familie nicht mehr gewährleistet werden kann. Überdies erhalten heutzutage auch die Pflegeeltern eine Ausbildung.

Historikerkommission

Mit den traurigen Geschehnissen der Vergangenheit beschäftigt sich derzeit außerdem eine Historikerkommission. Im Auftrag der Stadt soll sie jene Erziehungskonzepte, Organisationsstrukturen und alltäglichen Praktiken bis zur Heimreform 2000 analysieren, die Misshandlungen von Kindern und Jugendlichen ermöglicht hätten. Ergebnisse sollen 2012 vorliegen. (APA)