Nein, ein Blatt, in dem sogar der Kanzler inserieren ließ, darf man nicht unterschätzen. Kaum eine andere Zeitung gibt sich so viel Mühe, ihre Leserinnen und Leser zum Nachdenken anzuregen wie "Heute". Erst wieder am Dienstag. Da leuchtete der Charakterkopf von Niederösterreichs Landeshauptmann vom Cover, aus dem Charakterkopf wuchs der Gekreuzigte, als müsste er Zeugnis ablegen für die tiefe Wahrheit des Satzes, aus dem Erwin Prölls Abrechnung bestand: "Es hat viele Gauner in die Politik gespült."

Das musste einmal gesagt sein, sonst wäre es vermutlich niemandem aufgefallen. Pröll musste zwar mit Bedauern feststellen: "Der Kanzler ist nicht mutig genug", umso weniger fehlte es ihm an Mut, die Dinge mit rücksichtsloser Offenheit auszusprechen. Gibt es heute zu viele Gauner in der Politik?, wollte "Heute" von ihm wissen, und Pröll wusste zu vermelden: "Ja! Es hat viele Gauner in die Politik gespült, die aufgrund ihrer persönlichen Wertestruktur nicht in der Lage waren, verschiedensten Verlockungen des Lebens zu widerstehen."

Was mag das wohl für eine Spülung gewesen sein, die viele Gauner in die Politik gespült hat, werden politisch interessierte Leser von "Heute" bei der Lektüre dieses Satzes ins Grübeln gekommen sein. Und zwar so viele Gauner, dass Pröll mit ihrer anonymen Vorverurteilung den Gerichten dankenswerterweise die Arbeit einerseits erleichtern will, andererseits erschwert, indem er die Namen der Gauner anzugeben unterlässt. Dabei lässt seine Formulierung nur den Schluss zu, dass ihm die Gauner in der Politik klar vor dem geistigen Politikerauge stehen, wie anders wüsste er sonst um ihre Existenz? Vielleicht hätte er sie, in der Offenheit, für die er bekannt ist, auch ohne weiteres benannt, wollte aber nur eine Unschuldsvermutung vermeiden. Die wirkt ja wenig überzeugend, wenn man sich einmal dafür entschieden hat, jemanden spät, aber dann offen als Gauner zu entlarven.

Die beiden "Heute"-Redakteure, die auf Besuch in St. Pölten waren, hätten Pröll natürlich fragen können, welche Politikerkollegen er, noch vor den Gerichten, als Gauner überführt habe - schließlich soll Erwin Prölls Abrechnung diesen Namen auch verdienen. Der Mann ist ja kein Weichei. Etwas härter befragt, hätte er vielleicht sogar den einen oder Namen preisgegeben, und "Heute" hätte einen wirklich interessanten Aufmacher gehabt. Etwa: "Erwin Pröll enthüllt: XY als Gauner in die Politik gespült!"

Vielleicht war es die dem Gast angemessene Höflichkeit, die die Redakteure auf die Chance eines solchen Knüllers verzichten ließ. Vielleicht hofften sie aber auch, ihrem Gastgeber dafür andere Einsichten über das Gaunertum in der Politik zu entlocken. Mit Erfolg. "Schon bei der Auswahl der Politiker muss auf ihren Charakter geachtet werden. ,Mein' und ,Dein' zu unterscheiden, ist das Mindeste", legte der Landeshauptmann einer ganzen Berufsgruppe die Latte übertrieben hoch. Zum Glück gibt es mit Staatsgeldern geförderte Parteiakademien, wo hoffnungsvolle Kandidaten auf dem Scheideweg hie Gauner, da Politiker lernen, ,Mein' und ,Dein' zu unterscheiden. Wer das nicht kann, wird nie in der Lage sein, eine so komplexe ethische Frage wie etwa "Was war mei' Leistung?" zu beantworten.

Dass über dem Interview eine von langer politischer Erfahrung gespeiste Resignation schwebte, war indes nicht zu verkennen. Die laufenden Bemühungen, gegen die Gauner anzukämpfen, erscheinen Pröll letztlich als eitel. "Man kann sich im Parlament noch so viele Gesetze zur Korruptionsbekämpfung überlegen. Wenn jemand ein Gauner ist, wird er auch einen Weg finden, das schärfste Gesetz zu umgehen", hat er erkannt, und das umso mehr, als Berufe entstanden sind, die sich im Dunstkreis von Korruption entwickelt haben. Es ist aber auch leichter geworden, Millionen einzustecken am Rande der Legalität, um auf krummem Weg reich zu werden, kam die Rede auf Lobbyisten.

Offen blieb leider die grundsätzliche Frage, wer nun jene Spülung betätigt hat, die viele Gauner in die Politik gespült hat. Dennoch konnte "Heute" am nächsten Tag melden: Großes Echo auf Erwin Prölls "Gauner"-Sager. Da sind dann doch einige Namen gefallen. Die Grüne Madeleine Petrovic beschuldigt Pröll, er selbst habe Menschen wie Grasser und Strasser sein Vertrauen ausgesprochen und damit deren Aufstieg erst ermöglicht. Wie sie aus Erwin Prölls "Gauner"-Sager einen solchen Schluss ziehen konnte, bleibt ein Rätsel. (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 15./16.10.2011)