In insgesamt neun Austauschaktionen hat Israel im Laufe der Jahre für sechzehn eigene Soldaten 13.509 Häftlinge freigelassen, rechnet die israelische Tageszeitung Haaretz vor. Der Deal, mit dem Gilad Shalit, der länger als fünf Jahre in Hamas-Haft verbracht hat, am Dienstag freikam, war einer der teuersten: 1027 Palästinenser, die insgesamt für den Tod von 599 Israelis verantwortlich waren. Auch diese Toten muss man in die Kalkulation mit einbeziehen - und sie schrauben für manche Israelis den Preis für die Rückkehr Shalits in unerträgliche Höhen.

Aber mit dem Austausch ist Israel seinem alten Prinzip treu geblieben, über die eigene Schmerzgrenze zu gehen, um verlorene Soldaten, tot oder lebendig, nach Hause zu bringen: die Loyalität eines Staates, der seinen Soldaten viel abverlangt, oft mehr - oder anderes -, als manche von ihnen geben wollen.

Und auch die Hamas hat 1027 Palästinenser nach Hause gebracht. Das birgt einige Chancen - und etliche Gefahren. Das Positive zuerst: Die neue ägyptische Außenpolitik, die sich als glaubwürdiger Gesprächspartner denen gegenüber präsentiert, mit denen das Regime von Hosni Mubarak nicht reden konnte, hat erste Früchte getragen. Im guten Fall war das nur ein Beginn, und Kairo gelingt es, die Hamas in Richtung Mainstream zu rücken. Davon würde auch die Palästinenserführung der Fatah profitieren, wenn dadurch eine Annäherung - noch immer arbeiten die beiden Palästinenserfraktionen an einer "Versöhnung" - möglich wird. Die Geiselhaft Shalits war ein großer Brocken auf dem Weg zu normalen Verhältnissen zwischen allen, er ist aus dem Weg geräumt.

Gefährlich wird es dann, wenn die Entlassung der Häftlinge nur als Sieg der Hamas - und ihrer Methoden, des bewaffneten Kampfes - wahrgenommen wird. Das wird dann passieren, wenn in den Palästinensergebieten klar wird, dass Präsident Mahmud Abbas' vermeintlicher historischer Moment im September in New York, als er in der Uno das Ansuchen auf die Vollmitgliedschaft Palästinas überreichte, im Nichts verpufft. Genau das wünscht sich die israelische Regierung. Wenn Premier Benjamin Netanjahu gerade jetzt zum Deal bereit war, weil er mit einer Schwächung Abbas', der in New York auf alle Fälle einen PR-Krieg gewonnen hatte, liebäugelt - und wenn Netanjahu dafür sogar eine Stärkung der Hamas in Kauf nimmt -, dann wäre das reichlich zynisch.

Aber wie gesagt, der Hypothese widerspricht, dass diese Art von Austausch zum israelischen Staatsethos gehört. Netanjahu kann auch selbst, im sozial unruhig gewordenen Israel, Erfolge gebrauchen. Der Test der Beziehungen mit Ägypten, eine Kooperation nach Wochen und Monaten der angespannten Beziehungen, ist auch bestanden. Ein Schandfleck für Ägypten und seine neuen Medien ist jedoch das - sichtlich erzwungene - Interview mit dem zutiefst gestressten Shalit im ägyptischen Staatsfernsehen. So eine Ausstrahlung hätte man eher aus Gaza erwartet. (DER STANDARD Printausgabe, 19.10.2011)