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"Dass Häretiker verbrannt werden, ist gegen den Willen des Geistes."

Foto: APA/BARBARA GINDL

Lesen Sie folgenden Satz konzentriert durch und entscheiden Sie dann, wie Sie dazu stehen: "Dass Häretiker verbrannt werden, ist gegen den Willen des Geistes."

  • Ich stimme zu
  • Ich stimme nicht zu

Vielleicht erging es Ihnen wie mir. Ich bin natürlich der Meinung, dass es niemals im Sinn des Hl. Geistes sein kann, Glaubensabweichler einfach abzufackeln.

Allerdings finde ich mich mit dieser Einstellung als Katholik plötzlich auf der Seite Martin Luthers wieder. Nun möchte man meinen, dass das vielleicht nicht so schlimm ist. So weit liegen die Protestanten und Katholiken auch nicht auseinander, als dass sie nicht in vielem einer Meinung sein könnten.

Nicht so in diesem Fall! Dieser Satz des Reformators wurde mit 40 anderen von Papst Leo X. in der Bulle „Exsurge Domine" 1520 verurteilt. Mit den Worten: "Die vorgenannten Artikel bzw. Irrtümer verurteilen, missbilligen und verwerfen Wir samt und sonders ganz und gar als, wie vorausgeschickt wird, - je nachdem - häretisch oder anstößig oder falsch oder fromme Ohren verletzend oder einfache Gemüter verführend und der katholischen Wahrheit widerstrebend."

Man erkennt mit freiem Auge: Unser Papst lag da ziemlich falsch.

Kleines Gedankenspiel: Giovanni de' Medici verlässt kurz seine Grabstätte in der Kirche Santa Maria sopra Minerva und spaziert zum Petersplatz. Zunächst erfüllt es ihn mit Genugtuung, dass die Einnahmen aus dem Ablass so dauerhafte Kunstwerke finanziert haben. Aber dann sieht er sich angeekelt genauer um: Der Papst: ein politisches Armutschkerl. Medici muss annehmen, dass er - als Leo X. - einer der letzten katholischen Päpste gewesen ist. Alles was er verteidigt hatte, der Ablasshandel, die weltliche Macht und Truppen des Papstes - alles dahin. Den heutigen Papst stellen wohl die Lutheraner ...

Tatsächlich verdanken wir Katholiken Luther sehr viel. Es hat jedoch ein paar Jahrhunderte gedauert, bis die Katholische Kirche seiner berechtigten Kritik größtenteils folgte. Und tatsächlich war die Exkommunikation Luthers 1521, kurz nachdem er „Exsurge Domine" öffentlich verbrannt hatte, ein kirchlicher Justizirrtum.

Das alles muss eigentlich dem aktuellen Papst bei seiner Deutschlandreise durch den Kopf gegangen sein.

Freilich ist die Kirche erfahrungsgemäß ein bisschen langsam. Beim großen Bruch zwischen Katholiken und Orthodoxen brauchte man 911 Jahre, um die gegenseitige Exkommunikation wieder aufzuheben (1965).

Sind 490 Jahre noch nicht lang genug, um einen offensichtlichen Fehler, ein offensichtliches Unrecht, einzugestehen? Die Zögerlichkeit Benedikts wiegt umso schwerer, als er als Dogmatik-Professor viel genauer als seine Vorgänger weiß, was Leo X. hier verbockt hat.

Für unsere Zeit ist zu hoffen, dass alle Katholiken am Leo-Schnell-Test „scheitern", Bischöfe inklusive.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig. (derStandard.at 24.10.2011)