In diesen Tagen erreicht die Bevölkerung auf der Erde 7 Milliarden Menschen und hat sich damit seit 1960 verdoppelt. Sie wächst aber nicht überall gleich. Zentralasien wächst stark, Zentralafrika stark und schnell. Europa dagegen stagniert. Schon vor langer Zeit hatte sich die Überzeugung durchgesetzt, dass starkes Bevölkerungswachstum das Wirtschaftswachstum behindern und bremsen müsse. Doch im 21. Jahrhundert könnte die alte Ansicht, dass wachsende Großbevölkerungen nur Elend, Armut und Kriegsgefahr bedeuten, ausgedient haben. Denn es ist nur eine Frage der Zeit, bis aus demografischen Sorgenkindern der Nachkriegsperiode Mitspieler in der Weltpolitik und auf den Weltmärkten werden.

Wem gehört die Zukunft?

Europas Altersstruktur zeigt dagegen einen Koloss auf tönernen Füßen: ein durch Geburtenrückgänge eingebrochener, schwacher Jugendsockel muss stolze breite Altenjahrgänge tragen. Zurzeit erscheint Europa noch als wohlhabendes Altersheim, dem Massen armer aber motivierter Jugendlicher gegenüberstehen, wie sie uns die Aufstandsbewegungen vor wenigen Wochen in Nordafrika vor Augen geführt haben. Gehört ihnen nicht allein die Zukunft? Gerät Europa an den Rand der Weltgeschichte?

Bis es so weit ist, haben demografischer Wandel und Bevölkerungsmanagement noch ein Wort mit zureden. Der entscheidende demografische Wandel wird von neuen Umständen erzwungen: industrielle Arbeits- und Lebensformen beseitigen das Landleben, seine hohe Sterberate und verwandeln die bäuerliche kinderreiche Großfamilie in eine städtische Kleinfamilie mit kaum noch zwei Kindern. Gegen geschichtliche Vorgänge kann ein Bevölkerungsmanagement nichts ausrichten. Das ist erst dann gefragt, wenn segensreiche Vorgänge sich in ihr Gegenteil verkehren: wenn aus der Familienverkleinerung ein dramatischer Geburtenrückgang wird, - wenn für steigende Lebenserwartung und Pflege die Kostenrechnung nicht gemacht ist, - wenn mehr gestorben als geboren wird und die Babylücke auch mit Zuwanderern nicht zu füllen ist, - und wenn man einer negativen Bevölkerungsbilanz, einer "Demografie des Verschwindens" (J. Schmid) doch einmal gegensteuern will.

Chinas Ein-Kind-Politik ist ein gewaltiges Unternehmen. Noch nie wurden Hunderte Millionen Menschen einer einzigen, staatlich kontrollierten Maßnahme unterzogen.
Seit Jahrhunderten hat China Angst vor Hungersnöten und wollte sein Bevölkerungswachstum abbremsen und Ressourcen schonen, was ihm auch gelungen ist. Damit forciert China aber einen Alterungsprozess seiner Bevölkerung, weil auf einen Neugeborenen bis zu sechs Eltern- und Großelternteile kommen und Rentenkassen nicht existieren. Was China gesetzlich herbeiführt, geht in Deutschland ohne politisches Zutun vor sich. Nur noch geburtenschwache Jahrgänge verschieben das Gewicht von Jung zu Alt und senken die Zahl der Erwerbsfähigen und Aktiven.

Altern kann man nicht aufhalten

Weder in Deutschland noch in China ist das Verhältnis der Generationen nachhaltig eingerichtet. Erstmals soll eine gigantisch belastete junge Generation nicht mehr den Lebensstandard ihrer Eltern erreichen. Die Alterungskosten könnten sie um die Früchte ihres wirtschaftlichen Erfolgs bringen. China wird seine Ein-Kind-Politik lockern und Staatsfonds zur Alterssicherung anlegen müssen. Deutschland muss seine konsumfördernde Familienpolitik auf Geburtenförderung umpolen. Moderne Bevölkerungen können ihren Alterungsprozess nicht aufhalten. Technisch-finanzielle Maßnahmen sind nur begrenzt wirksam. "Mehr und besser verdienende Jugend!" lautet die Antwort auf eine demografische Schieflage aus Alterung. (Josef Schmid, derStandard.at, 24.10.2011)