Wenn alle nichts haben, wächst die Solidarität. Dann hilft man einander. Aber wenn manche nichts haben und andere viel? Und wenn alle fürchten, das, was sie haben, zu verlieren? Dann ist die Gefahr groß, dass jeder zuallererst darauf schaut, seine eigene Haut zu retten. Angst fressen Seele auf, hieß einst ein Film. Ist es das, worauf wir, im Angesicht einer sich immer bedrohlicher auftürmenden Krise, zusteuern?

Das Paradoxe an unserer jetzigen Lage ist, dass man an der Oberfläche von der schlimmen Situation nichts merkt. Noch nicht? Die Lokale sind voll. Die Geschäfte auch. Wir kaufen ein, wir reisen, wir geben Geld aus. Dass dieses knapper wird, spüren wir nicht in der Geldbörse, sondern lesen es allenfalls in der Bankmitteilung. Wer ein paar Aktien hat, sieht, dass sie immer weniger wert werden. Aber das ist ein virtueller Verlust auf dem Papier, nichts Wirkliches, Greifbares.

Noch deutlicher wird der Kontrast zwischen gefühlter und realer Lage, wenn wir die Zeitung lesen und die Nachrichten hören. Da ist von Milliarden und Billionen die Rede, die Staaten und Banken, aber letztlich wohl doch wir, die Bürger, aufbringen müssen. Irgendwann werden wir das wohl spüren. Aber wann? Und wie? Längst haben es viele Normalbürger aufgegeben, die Feinheiten der internationalen Wirtschaftspolitik zu begreifen. Versicherungsmodell? Hebelmodell? Spezialfonds? Unsereins versteht immer nur Bahnhof. Die Politiker sind schuld, hören wir und das ist so einfach, dass sogar wir es zu verstehen glauben. Dieses Amalgam aus Nichtverstehen und Halbverstehen ergibt eine Gemütslage, die nichts Gutes verheißt.

In einem wissenschaftlichen Institut stehen Kündigungen an, weil die Subventionen geringer werden. Mitarbeiter, die um ihren Job fürchten, lassen sich als Betriebsräte aufstellen und hoffen damit auf Unkündbarkeit. Prompt fragen sich die anderen, ob jetzt sie an der Reihe sind. Über Nacht ist das gute Betriebsklima beim Teufel. Wohl nicht nur dort allein. Die Erfahrung lehrt, dass Wirtschaftskrisen immer zuallererst die Schwächsten treffen. Für Zuwanderer, Jugendliche, Ältere, schlecht Ausgebildete wird die Luft dünner.

Allgemein wächst der Zorn auf die faulen, armen Südländer, die an ihrer schlechten Lage selbst schuld sind und für die wir, die Fleißigen und Reichen, jetzt zahlen sollen. Das Wort Solidarität hören wir jetzt öfter, aber wir hören es nicht gern. Auch die Berichte über die verzweifelte Situation vieler Griechen mögen wir nicht besonders, weil sie uns Angst machen. Droht uns eines Tages etwas Ähnliches?

Die wahre Herausforderung der Krise für die Zivilgesellschaft besteht möglicherweise darin, sich von all den Schreckensnachrichten nicht verrückt machen zu lassen. Die Älteren können sich noch an Zeiten erinnern, in denen es uns allen wirklich miserabel ging. Wir haben sie überstanden. Nicht zuletzt deshalb, weil es damals viel gegenseitige Hilfsbereitschaft gab, gute Nerven und den Optimismus, dass es schon wieder besser werden würde. So weit ist es mit uns heute noch lange nicht. Aber es ist ganz gut, sich daran zu erinnern, dass wir, wenn es wirklich schlimm kommen sollte, viele Ressourcen haben, um damit fertig zu werden. (DER STANDARD; Printausgabe, 27.10.2011)